Theodor Alt

1846 Döhlau bei Hof - Ansbach 1937

Im Atelier

Öl auf Leinwand; unten rechts signiert: "Th. Alt", 68 x 40,5 cm

Die vorliegende Arbeit Theodor Alts dürfte wohl gegen 1876 entstanden sein. Alt lebte zu dieser Zeit bereits überwiegend im elterlichen Pfarrhaus in Petersaurach. Von Julius Mayr wissen wir, dass zu den Freunden, die Wilhelm Leibl von München aus in Unterschondorf (Frühjahr 1875 - Frühjahr 1978) besucht haben, auch Theodor Alt gehört hat. Das Stilleben ist deshalb wohl in München entstanden, zumal wenig wahrscheinlich ist, dass Alt in Petersaurach über die im Bild verarbeiteten Requisiten verfügt hat. 1876 stand Alt auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Im gleichen Jahr kündigte sich zugleich aber auch das nahe Ende an: erste Anzeichen einer Gemütskrankheit, die in progressiven Schüben verlief und Ende 1879 dazu führte, dass Alt bis zum Frühjahr 1884 in einer geschlossenen Irrenanstalt untergebracht werden musste. Zwar hat sich Alt auch nach 1880 noch mit der Ölmalerei auseinandergesetzt, doch keines dieser Bilder hat auch nur annähernd jene Qualitäten erreicht, die sich in seiner ersten Schaffensphase bis 1880 so glänzend bestätigt haben. Nach alledem ist mit Sicherheit auszuschließen, dass das Atelierbild nach 1880 entstanden ist.

Das vorliegende Bild nimmt im Gesamt-OEuvre Theodor Alts eine be-deutsame Sonderstellung ein. In malerischer Hinsicht besticht es durch den in lockerer "alla-prima"-Manier gehaltenen, sehr spontan wirkenden Pinsel-duktus, mit dem Alt das spärliche, von links her einfallende Licht scheinbar mühelos bewältigt hat. Mit seinen über Schwarz oder Grau gebrochenen Farben vermittelt er der Komposition eine noble Kühle, die in ihrer Ausgewogenheit die Vielzahl der Requisiten zu einem harmonischen Ensemble verschmelzen lässt. Alt hat mit seiner sich im pastosen Farbauf-trag äußernden, für damalige Verhältnisse geradezu kühnen Malweise seine frühere, auf den Lehrer Arthur Georg von Ramberg zurückgehende filigrane Feinmalerei mit ihrer Vorliebe für das Detail nun endgültig überwunden. Er will jetzt nicht mehr - wie zuvor - mit der Palette brillieren, um auf bestmögliche Weise Oberflächenbeschaffenheiten nachzuvollziehen, sondern er sucht andeutende Vereinfachung, um so mit dem Hieb des breiten Flachpinsels den von der Materie ausgehenden Eindruck zu charakterisieren. Alt war mit dieser malerischen Auffassung dem Gros seiner Münchner Malerkollegen um Jahre voraus.

Bei der Betrachtung des Bildes drängen sich künstlerische Parallelen vor allem zu Carl Schuch oder Wilhelm Trübner geradezu auf. Es ist nicht nur die tote Wildente am linken Bildrand, mit der sich Schuch nach 1879 etliche Male auseinander gesetzt hat; es ist ebenso ein Atelierbild aus den Jahren um 1885, das von der malerischen Aufgabenstellung her verblüffende Ähnlichkeiten aufweist, in der Ausführung allerdings freier und summarischer ist. Sollte dieses Bild tatsächlich das Pariser Atelier Schuchs darstellen, dann liegt der Schluss nahe, dass sich Schuch zehn Jahre später auf Alt, den einstigen Gefährten der Frühzeit, zurück besonnen hat. Anlässlich seines zweiten Münchner Aufenthalts (Winter 1875 - November 1876), der den Höhepunkt, zugleich aber auch den Bruch in der gemeinsamen Arbeit mit seinem Lehrer Wilhelm Trübner brachte, hat Schuch wohl erneut mit Alt verkehrt und es ist deshalb nicht auszuschließen, dass Schuch sich dabei eingehender mit dem so fortschrittlich ausgefallenen Atelierbild Alts auseinandergesetzt hat. Ein weiteres Indiz für die ganz besonders von Schuch und Trübner übernommenen Anregungen, die von Theodor Alt bereits in den Jahren zwischen 1869 und 1873 ausgegangen waren, ergibt sich aus einer Reihe seiner sparsam angelegten und sich in malerischer Delikatesse äußernden Apfelstilleben auf Zinn- oder Stein-guttellern. Wilhelm Trübner selbst besaß bis zu seinem Tod ein solches, 1869 entstandenes Bild, das 1906 auf der "Jahrhundertausstellung" in Berlin unter der Katalog-Nummer 30 ausgestellt worden ist. Im Dezember 1875 breitete Trübner in seinem Münchner Atelier sechs Äpfel und zwei Birnen auf einem weißen Tischtuch aus, um Schuch in die Regularien der Stillebenmalerei einzuführen. Das im Besitz Trübners befindliche Apfelstilleben Alts hat dabei ganz offensichtlich bedeutsame Leitfunktionen ausgeübt. Vergleicht man die beiden Arbeiten Trübners und Schuchs mit dem vorliegenden, wohl zur gleichen Zeit entstandenen Atelierbild Alts, so wird deutlich, dass die beiden Erstgenannten noch vollkommen in den Traditionen der frühen siebziger Jahre verhaftet waren, während Alt mit seiner lockeren Maiweise die festen, klaren Formen eines Wilhelm Leibl damals bereits überwunden hatte. Im zahlenmäßig geringen Bestand der Werke eines Künstlers, der nur wenig mehr als 10 Jahre aus dem Vollen schöpfen konnte, kommt dem Atelierbild Theodor Alts deshalb besondere Bedeutung zu.