Künstler des 19. Jahrhunderts
Erinnerung an Ägypten
Gouache auf Papier mit Wasserzeichen, unten bezeichnet: "Kopf eines einbalsamierten Ibis aus den Brunnen oder Begräbnisse der Vögel bey Sakarn. in natur Grösse. Tete d´un Ibis embaumé, tiré des catacombes des oiseaux prés Saccara--."; Blatt: 47 x 32,1 cm; Darstellung 39,6 x 26 cm
Die ungewöhnliche Gouache eines Ibiskopfes vor dem Panorama der Pyramiden von Sakkara in Ägypten ist ein in verschiedener Hinsicht faszinierendes und herausragendes Blatt. Künstlerisch von hoher Qualität ist es überdies auch wissenschaftsgeschichtlich interessant. Es gibt Aufschlüsse über die Frühzeit der Ägyptologie und die Art, in der die Ergebnisse früher Grabungen einer erstaunten Öffentlichkeit präsentiert wurden. Der versierte Zeichner hat hier eine wissenschaftliche Dokumentation mit einer Landschaftszeichnung verbunden und den getreuen Eindruck von Fundstück und Ort mit einer atmosphärischen Schilderung versehen, die von der kargen Gegend, der Erhabenheit der Pyramiden und einer schimmernden Farbigkeit der Steine, Gebirge und Bauten kündet. Er spricht Wissenschaftler und Laien gleichermaßen an, konzentriert sich auf Details des einbalsamierten Vogelkopfes ebenso wie auf die Stimmung der abendlichen Wüstenlandschaft, die er mit malerischen Mitteln in einen weiten, suggestiven Raum verwandelt.
Mit Napoleons von 1798 bis 1801 unternommener Ägyptenexpedition kam Ägypten in Mode, in den Künsten ebenso wie in der Forschung. Der Franzose Auguste Mariette war einer der frühen Archäologen, die in Sakkara gruben. Hier findet sich die um 2650 v. Chr entstandene Stufenpyramide des Djoser, an der 3000 Jahre lang sowohl Pharaonen als auch heilige Tiere wie Stiere und Ibisse bestattet wurden. 1851 fand Mariette den Eingang zu einem Heiligtum in Sakkara und schaffte daraufhin etwa 7000 Objekte nach Frankreich. Die zahlreichen Inschriften vor Ort untersuchte er zusammen mit dem Berliner Ägyptologen Heinrich Brugsch. Obwohl der Deutsche Karl Richard Lepsius schon 1842 Pyramiden in Sakkara dokumentiert hatte, scheint es doch diese 10 Jahre später stattfindende deutsch-französische Kooperation zu sein, mit der die Gouache des Ibiskopfes in Zusammenhang stehen mag. Zum einen öffnet erst Mariette die Gräber, zum anderen ist der der Zeichnung von einem Herrn Buschmann beigefügte Text deutsch und französisch geschrieben.
Die Gouache fängt etwas von der Frühzeit eines Faches ein, vereint Natur- und Kulturgeschichte mit Exotik und wissenschaftliche Genauigkeit mit malerischer Qualität und präsentiert die zeittypische Verbindung von Dokumentation und Ästhetik in einem besonders reizvollen Beispiel.