Gustav Heinrich Naeke

1786 Frauenstein - Dresden 1835

Sitzende Madonna mit Jesuskind und Johannesknaben

Feder in Grau auf Papier, verso in Bleistift weitere Skizzen;

17,1 x 18,6 cm

Der Dresdner Romantiker Gustav Heinrich Naeke (1786-1835) gilt als einer der "sächsischen Nazarener". Wie alle Mitglieder und Sympathisanten dieser deutsch-römischen Künstlergruppe teilte er nicht nur ihre religiös geprägte Ideologie, sondern auch ihre davon untrennbaren ästhetischen Ideale. Dazu gehört ihr Anknüpfen an der dreihundert Jahre zurückliegenden Tradition einer in ihrem Ansatz "unmalerischen" Malerei, wie sie Albrecht Dürer, Raffael und die italienischen Meister des Quattrocento geübt hatten. Das Zurückgehen auf deren Malweise impliziert das Prinzip des Lokalkolorits und die Dominanz des Umrisses über das Atmosphärische, des Plastischen über das Optische, der Linie über die Farbe, des Gedachten über das Gesehene. Hier zeigt sich die enge formale Verwandtschaft von Nazarenern und Klassizisten. Es sind anfangs nur die Inhalte, die sie unterscheiden. In ihrer Ablehnung des malerischen Spätbarock, aber auch der zeitgleichen französischen und englischen Koloristen und deren sensuellen Realismus sind sie sich einig. Winckelmann, Mengs und Fernow sind die ästhetischen Urväter. Die Differenzierung, Abgrenzung und Sinnwandlung zur Romantik kam erst später.

Naekes Ausbildung in Dresden ist bestimmt vom akademischen Klassizismus, wie ihn sein Lehrer und Freund Ferdinand Hartmann (1774-1842) praktizierte. Der enge Vertraute von Jacob Asmus Carstens während seiner römischen Studienjahre brachte mit dessen klassizistischer Doktrin seinen strengen Zeichenstil nach Dresden. Doch lernte er von ihm auch, wie man in dieser Formsprache christliche Inhalte vermitteln konnte.

Nicht ohne Einfluß auf Naekes zeichnerische Handschrift dürfte andererseits der Engländer John Flaxman gewesen sein, dessen graphisches uvre um und nach 1800 in ganz Europa ungeheure Popularität genoß. Seine Odyssee-Illustrationen hatte Philipp Otto Runge im Gepäck, als er 1802 nach Dresden kam. Naeke wiederum traf dessen Studienfreund Moritz Retzsch (1779-1857), der seit 1803 mit ihm zusammen an der Dresdner Kunstakademie studierte und ein begeisterter Nachahmer Flaxman'scher Umrißzeichnungen war, die als "outlines" von England aus den Kontinent eroberten.

Naekes zeichnerisches Frühwerk "Die Strafe der Diebe" , eine Illustration zu Dantes "Inferno", scheint freilich in seiner dramatischen Bewegtheit und plastischen Räumlichkeit eher französischen Vorbildern der Revoutionsepoche nahezustehen. Bald aber verschwinden solch malerische Relikte des 18. Jahrhunderts aus seinem Zeichenstil und der Hartmann-Schüler folgt in seiner Auffassung klassizistischen Künstlern wie Wächter und Hetsch. 1810 bezeichnet ihn daher ein Rezensent als "einen nach der Antike gebildeten Zeichner".

Die Zeichnung spielt in seinem Werk eine herausragende Rolle. Sie hat für ihn den höchsten Stellenwert und folgt damit Winckelmanns Auffassung, wonach für den Maler die Zeichnung das erste, zweite und dritte Ding sein soll und nichts höher zu schätzen sei, als eine edle Kontur. Naekes zeichnerisches uvre ist dabei durchaus vielseitig. Je nach ihrer jeweiligen Funktion ist zu unterscheiden zwischen den bildmäßig ausgeführten Blättern und dem umfangreichen Studien- und Skizzenwerk, das von ihm selber als bloßes Arbeitsmaterial betrachtet wurde. Aber auch bei den Vorstudien zu Gemälden und Buchillustrationen gibt es je nach dem Grad der Ausführung große Unterschiede in der Wertigkeit.

Daneben übte Naeke besonders während seiner italienischen Zeit zur Schulung von Auge und Hand und um seinen eigenen Stil daran zu bilden, das protokollarische Zeichnen nach den Werken der verehrten alten Meister der italienischen Renaissance wie Giotto, Orcagna. Fra Angelico, Benozzo Gozzoli, Pinturicchio und natürlich Raffael. Blätter mit Eindrücken seiner römischen Umwelt, Architektur und Landschaft, musizierende Hirten und Albaner Mädchen, sind eher selten. Einen besonderen Höhepunkt seines Könnens sind die Bildniszeichnungen seiner römischen Freunde, die zu den herausragenden Werken nazarenischer Zeichenkunst überhaupt zählen.

In seiner voritalienischen Zeit zwischen 1813 und 1817 hatte er sich intensiv mit buchkünstlerischen Aufträgen für die damals weit verbreiteten Kalender und Taschenbücher beschäftigt. Die kleinen Figurenszenen zu Werken Goethes, Friedrich de la Motte-Fouques und anderer zeitgenössischer Autoren sind stets bildmäßig durchkomponiert und bei aller Strenge der Zeichnung auf plastisch-räumliche Wirkung bedacht.

In Rom schloß sich Naeke in seiner künstlerischen Auffassung besonders an Friedrich Overbeck und Philipp Veit an. Dem frommen, sanften Wesen des Norddeutschen fühlte er sich verwandt. Christliche Demut und Bescheidenheit zielen auf die Verleugnung individueller Besonderheiten der Handschrift. In seinen bildmäßigen Zeichnungen zu biblischen Themen verleiht er den heiligen Gestalten eine stilisierte, von Zufälligkeiten gereinigte Erscheinung des Edlen und Ideal-Schönen. Die Linie wird gleichmäßig zart, wenngleich nicht ohne Ausdruck, geführt.

Der Skizze - oder was man in späteren Zeiten darunter verstand - begegneten die Nazarener und Gesinnungsgenossen mit grundsätzlichem Vorbehalt. Sie galt ihnen als flüchtige, gedankenlose Unfertigkeit und konnte vor ihrem ethischen Postulat von Ehrlichkeit, Klarheit und Vollendung nicht bestehen. Wie bei ihren altdeutschen Vorbildern sollte auch die Vor-Zeichnung schon eine bis ins letzte klare Vorstellung eines Organismus oder Gegenstandes geben, in den der Künstler sich mit Andacht und handwerklichem Fleiß zu versenken habe. Solcher Gesinnung liegt die Ehrfurcht vor der Schöpfung und die Achtung des Menschen, seiner Gestalt und insbesondere seines Antlitzes zu Grunde.

Gleichwohl konnte ein Bildner, dem es um Darstellung menschlicher Figuren und Gruppen, also um Komposition ging, ohne Skizze, Studie und Entwurf kaum arbeiten. Auch Naeke ist diese Arbeitsschritte gegangen. Flüchtige Notate von Modellen als Bewegungsstudien gibt es auch bei ihm schon in der Dresdner Lehrzeit und den römischen Jahren. Wer aber seine Skizzenbücher durchblättert, ist erstaunt über die häufig gedrängte Fülle kleiner Figuren, Köpfe aber auch komponierter Szenen. Häufig schälen sich die Umrisse aus einem Netz von suchenden Linien heraus, zuweilen sind sie auch mit hartem, spitzen Stift sicher aufs Papier gesetzt. Öfters hat der Künstler mit Feder und grauer Tusche über der Bleistiftzeichnung gearbeitet und die gültigen Konturen nachgezogen.

Da stehen neben der Gelöstheit beobachteter Bewegungsabläufe die den Alten abgesehenen Gesten tradierter Pathosformeln, Kompositionsideen für eigene Arbeiten neben Detailstudien. Naeke ist ein gewissenhafter Sammler und Registrator von Formelementen, die er öfters fast zu gewissenhaft, ja pedantisch in seinen Bildern verwendet. Der Zartheit und Lieblichkeit seiner meisten biblischen Inhalte steht seine idealisierende, glatte, mitunter kühle Formensprache gegenüber. Anders jedoch als in den fertig ausgeführten Werken erscheint Naeke, dieser edle Geist, in seinen zahlreichen Studien, Entwürfen und Skizzen immer dynamisch und lebensvoll.

Die schöne Federzeichnung gibt Rätsel auf. Die Vermutung, daß es sich um die Studienkopie nach einem alten italienischen Meister handelt, wird durch die versuchten Varianten unten links und verso unwahrscheinlich. Die Hauptgruppe der Maria mit dem auf ihrem Schoß stehenden Kinde ist in ihrer oberen Hälfte weit ausgeführt, während der untere Teil mit suchenden und summierenden Linien nur skizzenhaft angedeutet ist. Deutlich jedoch folgt der Entwurf berühmten Vorbildern der italienischen Hochrenaissance, etwa Raffaels, die Naeke in Rom stets vor Augen hatte.

Hans Joachim Neidhardt