Johann Heinrich Ramberg
1763 Hannover 1840
Der Kaufmann von Venedig
Tusche und Lavierung über Bleistift auf Papier, unten links signiert und datiert: "JH Ramberg inv.t. et delin.t: 1787.";
54,8 x 68,2 cm
Das zeichnerische Talent Johann Heinrich Rambergs äußerte sich bereits sehr früh und die schwärmerische Bewunderung Schillers, der ihn seinen "Freund und Mitbruder in Apoll und den Grazien" nannte, teilten viele seiner Zeitgenossen. Nicht zuletzt George III., durch dessen Protektion es Ramberg möglich wurde nach London zu reisen. Am 25. April 1781 traf der junge Künstler in der englischen Metropole ein und begann umgehend damit, sich einen Namen als herausragender Zeichner zu erarbeiten. Der König bezahlte Logis, Kleidung, Sprachkurs und Ausbildung und Ramberg dankte es ihm mit Besuchen und erstaunlicher Entwicklung seines Talentes. Noch im Jahr seiner Ankunft in London besuchte Ramberg die Royal Academy unter der Anleitung von Benjamin West, der ihn in das Gebiet der Historienmalerei einführte. Ab 1782 nahm er an den Ausstellungen der Akademie teil und gewann 1784 eine Medaille für die beste Zeichnung. Entscheidend für das vorliegende Blatt ist Rambergs frühe Auseinandersetzung mit Shakespeares Theaterstücken, die sich gerade in England und Deutschland zu dieser Zeit einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreuten. Der Londoner Unternehmer und Verleger John Boydell entwickelte 1786 das Vorhaben, eine eigene Shakespeare-Galerie zu eröffnen und so die Grundlagen einer nationalen Historienmalerei schuf. Insgesamt umfaßte die Galerie zum Schluß 167 Gemälde von 33 Künstlern. Neben Joshua Reynolds, George Romney, William Hamilton und Johann Heinrich Füssli engagierte Boydell zwei ausländische Künstler: Angelika Kaufmann und den jungen Ramberg. Noch als Ramberg nach Hannover zurückgekehrt war, lieferte er Boydell ein großformatiges Gemälde zu "Was ihr wollt", das dieser dann auch in seinem umfangreichen Projekt der Reproduktion aller Arbeiten seiner Galerie verarbeitete.
Doch bereits vor diesem prestigeträchtigen Auftrag widmete sich Ramberg den Stücken Shakespeares und schuf mit seinen Illustration die besten Leistungen seiner Londoner Zeit. Die ersten der ungefähr 36 bekannten Zeichnungen gehen auf das Jahr 1783 zurück und illustrieren eine Ausgabe von "Der Sturm". 1784 schließlich befaßte er sich mit dem Stück "Der Kaufmann von Venedig". Unser Blatt, von der Größe und Ausführung her als eigenständige Arbeit anzusehen, zeigt die erste Szene des vierten Aktes aus diesem Stück, verortet im Gerichtssaal zu Venedig. Shylock ist gerade in Begriff, ein Stück Fleisch aus der Brust Antonios zu schneiden, als Portia einhaltend seinen Arm ergreift. Es ist das "Terry a little; there is something else?", das die Situation umschlagen läßt, und genau diesen Wendepunkt hat Ramberg in seinen Arbeiten zu diesem Stück immer thematisiert. Entgegen zweier früherer Entwürfe für diese Szene, die die Intervention auf kleinem und gedrängtem Raum zeigen, bietet Ramberg in der vorliegenden Arbeit die Szenerie in einem bühnenartigen Aufbau dar. Die Gruppe der Hauptpersonen ist durch jeweils gegenläufige Bewegungsrichtungen dynamisiert und zeigt klar und strukturiert Gefühlswelt und Handlungsraum der einzelnen Personen. Rambergs Zeichenstil zeigt sich in diesem außergewöhnlich imposanten Blatt äußerst dynamisch wogend. Die Umrisse der Figuren werden immer wieder betont nachgezogen, wodurch er nicht nur Volumen sondern auch Bewegung simuliert. Die gekonnt eingesetzte Lavierung verstärkt diesen Effekt. Insgesamt spürt man den Einfluß englischer Zeichner wie Thomas Rowlandson, gleichzeitig verdeutlicht sich bereits hier die motivische und stilistische Eigenart Rambergs. Pointiert schafft er ein Gleichgewicht von kritischem Ernst und heiterer Ironie. In seinen späteren Arbeiten wird er diese Balance weiter ausbauen und damit seine eigene Position zwischen damals so berühmten Karikaturisten und Satirikern wie William Hogarth und James Gillray stärken. Unser Blatt ist eine wichtige Erweiterung des frühen OEuvres Rambergs, verdeutlicht es doch den Grund für die hohe Wertschätzung, die seine Zeichnungen zeitlebens und darüber hinaus genossen haben. In Ausführung und Qualität übertrifft es die meisten Shakespeare-Arbeiten Rambergs und stellt gleichsam einen Kulminationspunkt seiner Bemühungen um Komposition und Linienfindung dar. Im August 1788 kehrte Ramberg zurück nach Hannover, malte den berühmten Vorhang für das königliche Theater und ging 1791 nach Italien. Nach seiner Rückkehr wurde er 1793 zum Hannoveraner Hofmaler ernannt. Seine auch in unserem Blatt sichtbare intensive Einfühlung in die vielschichtigen Figurenkonstellationen sollte es ihm in späteren Jahren ermöglichen, zu einem der wichtigsten Illustratoren Deutschlands zu werden.