Hans Thoma

1839 Bernau - Karlsruhe 1924

Bildnis Cella mit Palette

Öl auf Pappe, oben rechts monogrammiert und datiert: "HTh 1889",

82 x 63,5 cm

Abb. in: Thode 1909, S. 310, Busse 1935, S. 91

1875 begab sich Cella (eigentlich Bonicella, geb. Berteneder, 1858 - 1901) in die Lehre als Malerin bei Thoma. Er muss unmittelbar von ihr angetan gewesen sein und nachdem Thoma seines Eindrucks sicher war, schrieb er an seine Mutter und Schwester: "Das Mädchen fing nämlich auf einmal an zu malen, und zwar mit einem Talent, dass ich erstaunt bin. Sie hat einen Blumenstrauß gemalt, der aussieht, als ob er von mir wäre." Cella hat ganz im Sinne Thomas die Malerei nie aufgegeben und war ihm damit "froh teilnehmende Gefährtin in meiner [Thomas] Kunst". Zudem trug ihre Blumenmalerei und ihr Unterricht, den sie Bekannten gab, zum Familieneinkommen bei. Im Entstehungsjahr des Porträts schreibt Thoma: "Ich bin sehr froh, denn ich habe lang nichts verkauft - und in Frankfurt bin ich eigentlich noch gar nicht entdeckt, so dass schon oft die Sorge ins Dasein eingetreten wäre, wenn meine Frau mit ihrem Unterrichtgeben dieselben in letzter Zeit nicht tapfer verscheucht hätte." So mag das Bildnis mit Palette als Ausdruck Thomas Anerkennung für Cellas Malerei gelesen werden und als Hinweis darauf, dass diese durchaus neben derjenigen Thomas präsent war.

In Grün-Schwarz gekleidet sitzt Cella vor einer farbig gestreiften Wandbespannung, die womöglich auf Thomas Begeisterung für indische und englische Ornamente zurückgeht, welche er im Kensington Museum, dem heutigen Victoria & Albert Museum, kennen gelernt hatte. Die Wiedergabe Cellas als in sich gekehrte Frau kennen wir von anderen Bildnissen, auch hier vermittelt sie eher die romantische Innenschau als die vita activa. Diesem Grundtenor entsprechend sehen wir sie nicht in situ an der Staffelei, sondern in einer Schaffenspause.

Trotz oder gerade wegen der kontemplativen Stimmung verwirrt die unruhige Spannung im Bild. Die gestreifte Wandbespannung zerfasert den Bildeindruck und kontrastiert mit der Sitzenden, die formal gesehen grün-schwarze Fläche ist. Gegen die scharfen Linien und Konturen stehen überdies die weich zerdrückten Farben auf Cellas Palette, die im Bild mit just dem zusammen fallen was sie faktisch auch sind: Farbkleckse. Durch das feine Inkarnat und die sanfte Fleischlichkeit fallen das Gesicht Cellas und die abgelegte Hand auf, ja erscheinen fast isoliert innerhalb der Anordnung von Linien und Farben um sie herum. Abstrahiert betrachtet sind der Hintergrund, ihre Kleidung und die Palette nichts anderes als Fläche, Linie und Farbe, also jene Elemente, die für jede Malerei grundlegend sind. Treibt man diesen auf die Malerei bezogen reflexiven Gedanken weiter, so möchte man in der Sessellehne gewisse Parallelen zu einer aufgezogenen Leinwand erkennen; Cella würde dann den vorliegende Malgrund nicht nur motivisch füllen, sondern auch im Bild das Motiv der "Sessel-Leinwand" sein.

Eine andere Beobachtung gibt diesen wagemutigen Überlegungen zur möglichen Reflexivität gewissen Halt. Offenbar hat Cella zuletzt mit strahlendem Rot gemalt, wovon der entsprechend eingefärbte Pinsel in ihrer Hand zeugt . Was mag sie damit gerade gemalt haben? Die Frage, welche feine, rote Linie dem Pinsel entflossen sein könnte, lenkt die Aufmerksamkeit automatisch auf ein Element im Bild, das von genau dieser Art ist: Der Signatur Thomas rechts oberhalb von Cellas Kopf. Wie kann aber Cella im Bild die Signatur auf dem Bild gemacht haben? Zweifelsohne hat Thoma die Irritation bewusst gesetzt und das Bild damit zu mehr als einem Porträt, bloßem Abbild, seiner Frau als Malerin gemacht. In ähnlicher Weise belebte Thoma auch eine Fotografie seiner selbst, und zwar in dem er im Bild einen Stift bereit zum Schreiben hält, mit dem er scheinbar aus dem Bild heraus die Fotografie mit einer Widmung versehen hat.

Die Darstellung seiner Frau als Urheberin der Signatur lässt sich so zunächst als gewitzte Belebung des Bildes lesen. Zudem dient es der Verschleierung der Autorschaft; ein Gedanke, den Thoma wenngleich versteckt später im Selbstbildnis vor Birkenwald (1899) erneut aufgreifen wird, denn hier zeigt er sich vor einem filigranen Birkenwald, "einem Motiv (...), das Cella gemalt hatte und das unter ihren Bildern eine wohl kaum jemandem bekannt gewesenen Ausnahme war." Wenngleich wohl nur für Thoma verständlich thematisiert er damit reflexiv im Bild die intensive Symbiose mit Cella.

Dass Cella nun hier in den Elementen der Malerei - Linie, Fläche und Farbe - gegeben ist, macht das Porträt darüber hinaus zur Reflexion über die Grundbestandteile der Malerei, die durch die figürliche Anordnung der Elemente zu einem Vexierbild zwischen Cella und den einzelnen Elementen wird. Jedoch verschwimmen die zwei Lesarten miteinander, sodass Thoma weniger Alternativen, als vielmehr eine synthetische Betrachtung vorschlägt. Die Grundlagen seiner Malerei fallen in eins mit seiner Frau und Malerin Cella. Mittels der Signatur wird dies jedoch nicht nur dargestellt, sondern reflexiv versinnbildlicht: Zwar macht sie unzweifelhaft Thomas Autorschaft deutlich, durch den roten Pinsel im Bild wird jedoch suggeriert, Cella, als Inbegriff der Malerei, habe den Pinsel geführt. So wird die Signatur gleichermaßen Zeugnis der faktischen und ideellen Autorschaft des Bildes. Das Porträt ist Hommage an seine Frau, die so als Ursprung der Malerei Thomas erscheint.

Dass Thoma solcherlei Metareflexionen nicht fremd waren, belegt das Selbstbildnis mit Amor und Tod von 1875. Auch die Gleichsetzung von Kunst mit der Geliebten und deren spielerischer Reflexion findet sich bei Thoma, was eine Episode der Freunde Thoma und Lugo (1840-1902) zeigt: Lugo hatte ein Verlobungsphoto angefertigt, das ihn mit einer verkleideten Gliederpuppe, der Kunst, zeigt und dieses an Thoma geschickt, kurz danach aber das Zerbrechen der Verbindung, eine Schaffenskrise, mitgeteilt. Thoma reagierte augenzwinkernd auf die Selbstironie Lugos, indem er dem Freund das Wesen der "hohen Dame" erklärt und ihn damit zu trösten sucht, dass sie "sich heutzutage mit niemandem mehr verheiraten [will], und wir froh sein wollen, wenn sie uns hie und da einmal anlächelt." Freilich hatte Thoma dem entmutigten Freund gegenüber gut reden, denn er hatte ja, wie vorliegendes Porträt zu implizieren scheint, in Cella seine treue Kunstquelle gefunden.