Hans Thoma
1839 Bernau - Karlsruhe 1924
Flora
Öl auf Leinwand, unten links und rechts monogrammiert und datiert: "HTh 1880" und: "HTh 92", 84 x 68 cm
Abb. in: Thode 1909, S. 352 (dat. 1892); als Druck: 1915 (Beringer 1923, Nr. 172); Grun 1917, S. 51
Das Thema der Flora bearbeitete Thoma einige Male in seinem uvre. Vermutlich inspiriert durch Böcklins Flora, Blumen streuend von 1875, aber auch durch Werke der italienischen Frührenaissance, die Thoma im Original auf seinen Reisen studierte, entstanden ab 1877 verschiedene Varianten der Frühlingsgöttin. Thode ordnet das Motiv innerhalb Thomas Werk der Themengruppe des "Menschen in ursprünglichem Naturdasein" zu, zu welcher er Paradiesdarstellungen, musikalische Szenen und arkadische Motive zählt. Spätestens durch die Arbeit für Bayreuth 1896 flossen in das Floramotiv allerdings nicht nur Assoziationen antiker Naturmythologie ein, sondern ebenso des altnordischen Mythos; so schrieb Thoma über sein Frühlingsmärchen (1898) an Georg Gerland (1833-1919) "(...) eine Frühlingsgöttin auf blumiger Wiese am Quell, die Luft ist voll schwebender Liebesgötter. Der Frosch kommt hervor und macht der Flora, ich werde sie aber Freia nennen, den Hof."
Fast immer stellt Thoma die mädchenhafte Flora in rosafarbenem antikisierendem Gewand dar. Abgesehen von vorliegender Variante streift sie, begeleitet von wenigen Putti, die sich bei der Göttin vergnügen, durch die Wiesen. Der Idee folgend, dass Flora mit Frühlingsblumen die Natur zum neuen Jahreslauf erweckt, ist sie meist mit Blüten im Schoß oder explizit Blumen streuend dargestellt, wie es die bekannte Darstellung Botticellis oder auch die Version Böcklins zeigen. Anders unsere Flora, die mit der auf dem Kopf getragenen Blumenschale eher an antikisierende Dienerinnen auf Gemälden Ghirlandaios erinnert. Ruhig in der Flussaue stehend, mit dem Blick in die Ferne gerichtet, macht sie keine Anstalten, die Blumen über dem Erdboden zu verteilen. - Eine Blumen tragende aber nicht streuende Flora ist eine ungewöhnliche Bildfindung, da sie der mythologischen Assoziation in gewisser Hinsicht widerspricht. In diesem Sinne scheinen sich auch die Putti um sie herum zu verhalten: Die zwei rechts blicken erwartungsvoll und mit fordernder Geste an der Göttin empor auf die Schale, links greift der Putto mit Glockenblume schon fast zerrend an ihr Gewand. Die aufgebrachten Gesichter können wohl als Ungeduld ob der untätigen Flora gelesen werden. Vielmehr als in Motivübernahmen ist gerade in einer solch gebrochenen Behandlung einer idyllischen Situation, die mit Komik eine ambivalente Spannung erzeugt, der Einfluss Böcklins auf Thoma spürbar.
Die doppelte Datierung stellt vor ein gewisses Rätsel, da spätere Eingriffe nicht definitiv erkennbar sind. Thoma verwendet die Flora jedoch 1890/91 erneut in München für die Wanddekoration des Musiksaals der Villa Pringsheim, die das Thema Musik in arkadischem Kontext variierte. Im Zuge dieser Arbeit könnte er Korrekturen an unserem Bild vorgenommen haben, die ihn zu einer Neudatierung veranlassten.