Hans Thoma

1839 Bernau - Karlsruhe 1924

Im Albanergebirge

Feder in Schwarz auf Papier, unten links monogrammiert und datiert: "HTh 75.", unten rechts signiert: "Hans Thoma", 27 x 16,1 cm

"Einen eigenen Eindruck machte mir ein schönes Römerpaar, er in der Campagnolentracht mit Hut und Mantel, sie eine wunderschöne schwarzhaarige Frau; sie schritten rüstig daher und führten zwei weiße Rosse hinter sich, ein zottiger weißer Hirtenhund begleitete sie." Mit diesen schwärmerischen Worten beschreibt Thoma in beiden seiner Memoiren von 1909 und 1919 das Zusammentreffen mit Bauern in den Albanerbergen 1874. Die Anmutung der Campagna-Bewohner beeindruckte Thoma stark und an anderer Stelle schreibt er dem Freund Otto Scholderer (1834-1902) über die Römer: "Männer und Weiber von großer Schönheit mit so ruhigen Augen und großen Formen, dass einem die Germanen (...) äußerst unruhig (...) vorkommen."

Die Zeichnung vermag beide Zitate mit erstaunlichem Leben zu füllen. Dynamik und Ruhe ist nachgerade ihr Thema. Das extreme Hochformat, in dem Thoma die steile Landschaft der Albanerberge einfängt, betont deren Steigung. Forsch und sicher bewegt sich das Paar auf einem mäandrierenden Laufweg abwärts, den Thoma mit seiner schnellen und sicheren Federführung subtil nachvollzieht und gleichsam zum ordnenden und dynamisierenden Element des Blattes macht: Die Stadt zieht sich von der Mitte nach rechts bergab, außerhalb des Blattes ist die Kehrtwende zu denken, die in den Weg nach links unten mündet, welchen das Paar gerade beschritten hat. Diese Diagonale bestimmt auch die Anlage der Menschen- und Pferdegruppe, da sie sich in Mantel und Überwurf des Paars, vor allem aber in dichterer Schraffur an Kopf und Büste der beiden sowie am Brustbereich des Pferdes fortsetzt. Entgegen dieser das ganze Bild durchziehenden Serpentine haben die Wanderer de facto bereits die nächste Wendung eingeschlagen. So erscheinen die Wandersleute durchzogen von Bewegung. Dies und der unruhige Rhythmus der Serpentinen spiegeln sich in den kraftvollen Pferden, welche dem Paar wie ein treibender Schatten anhaften; auch der Hirtenhund trägt zur Dynamik im Bild bei. Ausgleichend dagegen sind jedoch die "ruhigen Augen" und die "große Form" des Paars, welche von der klaren Silhouette des Mannes übergreifend auf die Frau gebildet scheint. So wirkt die völlig verhüllte Gestalt des Mannes massiv und stoisch, das wallende, lockige Haar der Frau zwar bewegt, ihre Geste hingegen ruhig und festigend.

Thoma sah das Paar am 5. April 1874 auf einem Ausflug von Rom über Frascati und Tuscolo nach Grottaferrata, den er mit Emil Lugo (1840-1902), einer Schweizerin, Fräulein Rappler, und einem Freiburger Studenten unternahm. Thoma fertigte vermutlich rasch eine Zeichnung als Gedankenstütze, die er 1875 zu vorliegender Studie weiterentwickelte. Wie er immer wieder in den Erinnerungen betont, kam er auf der Reise kaum zu Malen, sodass die zeitversetzte Weiterarbeit an diesem Motiv nicht verwundern muss. Im Anschluss an die ausgearbeitete Zeichnung begann Thoma mit einem Gemälde, bei dem er allerdings "stecken bleibt" und welches bereits 1919, zur Zeit der Abfassung seiner Memoiren, verschollen war.