Hans Thoma

1839 Bernau - Karlsruhe 1924

Landschaft bei Bernau

Öl auf Pappe, unten links signiert, bezeichnet und datiert: "Hans Thoma Bernau 1864.", 27,6 x 34,6 cm

"Was hatte ich für Zeit in die Wolken zu schauen, von den Höhen ins Tal hinunter und hinauf zu den Bergen, wie die Wolkenschatten ihr Spiel trieben - das alles sah ich so deutlich, schon lange vorher, ehe ich daran denken konnte solche Sachen zu malen."

"Solche Sachen" malen zu können, brachte sich Thoma in Grundzügen autodidaktisch bei, bis er 1859 mit Unterstützung Johann Wilhelm Schirmers an der Karlsruher Kunstschule aufgenommen wurde. Der Unterricht eröffnete Thoma neue Welten, vor allem die Antikenklasse Des Coudres vermittelte ihm Handwerkszeug, das er bloß auf sich gestellt nur schwer erlernt hätte. Während der ersten sechs Monate studierte er dort Perspektive und Zeichnen, im Sommer wurden den Eleven kleine Freiluftstudien erlaubt und begabte Schüler, zu denen Thoma gehörte, durften die Ölstudien Schirmers kopieren. Nach diesen für Thoma trotz künstlerischen Gewinns etwas drögen Monaten nahm Schirmer ihn in seine Landschaftsklasse auf und erlaubte ihm den Sommer über in Bernau zu zeichnen. In den Sommermonaten der Jahre 1860-66 reiste Thoma mit freudvollem Ritual - stets fuhr er mit der Bahn nach Freiburg und wanderte von dort mehrere Stunden den restlichen Heimweg - nach Bernau, um das Naturstudium so intensiv als möglich zu betreiben. "Es entstanden Stöße von Zeichnungen und Ölstudien" , von denen allerdings nur noch ein Bruchteil erhalten ist.

Vorliegendes Werk ist eines dieser Ölstudien. Von leicht erhöhtem Standpunkt aus blickt man über ein kleines Tal auf gegenüber verlaufende sanfte Schwarzwaldhügel. Die Bergzüge sind in zwei Schichten hintereinander geschoben, belebt werden sie durch die reiche Palette von Braun- und vor allem Grüntönen, mit denen Thoma Topographie und Distanz modelliert; aber auch die Berg- und Baumsilhouetten rhythmisieren die schlichte Szenerie. Große Aufmerksamkeit widmet der Maler den Wolken, die stimmungsvoll über den Himmel ziehen. Im Vordergrund sind es luftig sommerliche Wolkenfetzen, im Hintergrund werden sie unmittelbar über den Bergen zu dunkleren, abendlichen Formationen. Den leicht hingetupften Bäumen und Büschen am Fuß des Berges entsprechen so die fließenden Wolken am oberen Bildrand, wohingegen dunkeltonige Bergmassen und verschattete Wolken in der Bildmitte miteinander korrespondieren. Um eine beunruhigende Dramatik ist es Thoma dabei sicherlich nicht gegangen, eher um eine nuancierte Ambivalenz, die zwischen noch luftig, sonniger und bereits abendlicher Tageszeit spürbar ist.

Mit seinen Studien stieß Thoma in der Akademie auf Kritik; sie entzündete sich allerdings weniger an ihnen selbst, als vielmehr an Thomas Weigerung, die Studien zu komponierten Landschaften zusammenzusetzen, wie es der idealistische Schirmer forderte. Für diesen waren Ölstudien nicht weniger und nicht mehr als Einzelkomponenten für große Landschaftsprospekte. Thoma jedoch sah keine Notwendigkeit dafür, seine alla prima Studien durch eine idealistische Komposition zu nobilitieren - ihm genügte - vorerst - der realistische Anspruch, "solche Sachen" zu malen.