Hans Thoma

1839 Bernau - Karlsruhe 1924

Wotan

Öl auf Pappe, unten rechts monogrammiert und datiert: "HTh 1919",

60,5 x 51 cm

Wotan, einer der mächtigsten Götter der nordischen Mythologie und zentrale Figur in Richard Wagners Ring des Nibelungen, tritt dem Betrachter in diesem späten Werk in ungewöhnlicher Form entgegen. Mit unerwarteter Milde, fast schon müde blickt der Herrscher über Walhall vor einer silberweißen Gletscherlandschaft aus dem Bild. Eine gewisse Intimität eignet der Darstellung auf Grund des extrem nahen und engen Bildausschnitts, der Wotan dem Betrachter ohne Distanz gegenübergestellt. Weder seine imposante Erscheinung noch die sonst präsenten Raben Hugin und Munin, die ihm das Weltgeschehen einflüstern, inszenieren ihn als sagenumwobenen Helden. Entgegen einer einschüchternden Heldendarstellung hat Thoma sich für einen Darstellungsmodus der zeit- und ortlosen Präsenz entschieden. Bereits die schlichte Komposition wirkt wie auf ewig fixiert: Das Schulterstück füllt das gesamte Bildfeld aus und ist gleichsam massiv darin eingepasst. Die Flügel des Helms enden in den oberen Ecken, die Schultern verankern die Figur in den unteren Winkeln. Vor dieser Verklammerung und den verdunkelten unteren und oberen Passagen des Gemäldes liegt der Fokus allein auf dem Gesicht Wotans. Nicht nur sticht es durch seine Helligkeit, unterlegt von dem Sonnestreif im Hintergrund hervor; auch seine Zentrierung in der Bildmitte entfaltet fast eine Art Sogwirkung. Mit einer leichten Verschiebung des Gesichts aus der Mitte nach links gelang es Thoma darüber hinaus subtil ein essentielles Erkennungszeichen Wotans zu inszenieren: Das fehlende Auge. Um aus Mimes Brunnen der Weisheit und Einsicht schöpfen zu dürfen, lässt Wotan ein Auge als Pfand und trägt die leere Augenhöhle seitdem als martialisches Zeugnis seiner Weisheit.

Sucht man nach den Quellen für dieses späte Bild, so findet man im Werk Thomas eine Vielzahl an Wotandarstellungen. Im Rahmen des Zyklus für den Freund Dr. Otto Eiser schuf Thoma bereits 1876 Wotan und Brünnhilde. In dieser frühen Umsetzung wird Wotan jedoch noch attributiv ausgewiesen: Weniger an seinem verschatteten Auge, das kaum erkennbar ist, sondern allenfalls durch die Raben und den Speer ist der Vater Brünnhildes zu identifizieren.

Erst das Engagement Thomas in Bayreuth als Kostümentwerfer für die Nibelungen-Inszenierung 1896 durch Cosima Wagner (1837-1930) führte zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Wotandarstellungen. Zweifelsohne sollte ein idealer Wotan des Wagnerschen Musikdramas auch ohne Attribute erkennbar sein und so trägt Wotan zur Uraufführung 1876, nach Entwürfen Carl Emil Doeplers (1824-1905), die signifikante Haarsträhne, die die Augenhöhle verhüllen und im Hinblick auf Fernsicht freilich betonen sollte. Thoma behält in seinen Kostümvorgaben die charakteristische Haarsträhne bei.

Die Beschäftigung mit Wotan hat Thoma tief beeindruckt, da er ihm bis 1920 zahlreiche variierende Bildfindungen widmet, sei es in Form von Radierungen, Tachographien oder Gemälden. In vorliegendem Gemälde fließen zwei Werke zusammen: Grundlegend ist die Wotan-Figurine für Bayreuth , die den Gott ebenfalls frontal und mit Schuppenpanzer zeigt. Allerdings ist dort der Bildausschnitt größer, es handelt sich um ein Brustbild, und im Hintergrund eröffnet sich eine raue Berglandschaft, in der Walhall verortet ist, im Mittelgrund segelt einer der Raben. Die Staffage Walhall, Rabe sowie die scharfkantigen Gesichtszüge der Figurine alludieren folglich den entschiedenen, ungnädigen Gott. Thoma setzt den Entwurf noch im selben Jahr mit kleinen Variationen in eine Tachographie um, die während des Künstlerfests "Altfrankfurter Tage" verkauft wird. Zwei Jahre später 1898 fertigt er ein Gemälde, das Wotan wieder ohne Haarsträhne, dafür mit Speer und Raben zeigt. Dieser eher alt und gebrechlich wirkende Wotan nun steht nicht mehr vor dem heroischen Walhall, sondern vor einer Gebirgslandschaft, die derjenigen unseres Werks als Vorbild gedient haben könnte. Vor allem in den Jahren ab 1913 entwirft Thoma dann vielfältige Varianten des Wotan, etwa als Wanderer, Rächer und in kryptischen Vignetten. Vorliegender Wotan von 1919 ist zu intim und nah, um auf das Heldenepos samt Walhall, Rheingold und die Nibelungen anzuspielen, zugleich aber ist er stolzer und kämpferischer als der alte Wotan von 1898. Vorliegender Heroe ist somit das Ergebnis längerer Arbeit und paart die Umsetzungen von 1896 und 1898 - die stolze Wotanfigurine mit dem schwach erscheinenden Wotan vor zeitlos erhabenem Gebirgsprospekt.

Dem Epos entkleidet, vor ort- und zeitlosem Gebirge situiert zeigt uns Thoma einen Wotan, der nur noch Essenz seines Schicksals ist. In Wagners Gedankenwelt entspricht dies Schicksal just dem eines jeden Künstlers, denn "Wotan, das ist: der allgewaltige Lebenswille, hat sein Selbstopfer beschlossen (...) Er weiss, was Erda's Urweisheit nicht weiss: dass er in Siegfried fortlebt. In Siegfried lebt Wotan fort, wie der Künstler in seinem Kunstwerk: (...) So ist, in einem gewissen hohen Sinne, sein [des Künstlers] Vergessenwerden, sein Verschwinden, sein Tod - das Leben des Kunstwerkes. - Dies ist meine Stimmung, in welcher ich mich nun zur Vollendung meines Werkes zurückwende: ich will mich - um ewig zu leben - von meinem Siegfried vernichten lassen! O, schöner Tod!"

Dem zunehmend müden Thoma, 1919 im seinem 80. Geburtsjahr, der trotz körperlichen Verfalls seine Arbeit weitertreibt, dürfte dies durchaus entsprochen haben und man mag in dem späten Wotan, vielleicht seinem spätesten Gemälde überhaupt, durchaus sein Alter Ego erblicken. Nicht zuletzt war das Gemälde in Thomas Atelier prominent aufgestellt und zeugt, wenn man den schwärmerischen Erinnerungen Frances Gruns glaubt, von "vollständiger Porträtähnlichkeit" mit Thoma.