Johann Wilhelm Schirmer
1807 Jülich - Karlsruhe 1863
Baumstudie, um 1863
Öl auf Papier, 19,7 x 13,5 cm Provenienz: Sammlung Arnold Blome, Bremen
Untersichtig und im engen Hochformat zeigt uns Johann Wilhelm Schirmer den Blick hinauf in den Wipfel eines schlanken Baumes. Es gibt keinen Ausblick in die Ferne oder auf die nähere Umgebung, die Konzentration liegt vollkommen auf der Ansicht der von einem hellblau schimmernden Himmel hinterfangenen Baumkrone. Von links ragen vage erkennbar weitere belaubte Äste in hellen Grün- und Ockertönen hinter der Baumkrone in das Bild. Im unteren Drittel erscheint das sich rechts des anmutig geschwungenen Stammes ballende Laub in einer dunkelgrünen Farbwolke zusammengefasst. Im selben Farbton, pastos und zügig aufgesetzt, bildet der Maler auf dieser dunklen Fläche einzelne Blätter in verschiedenen Richtungen. Nach oben hin lichtet sich das tiefgrüne Laub, im helleren Grün der obersten Wipfel leuchten einzelne Blätter im Sonnelicht auf.
Maltechnisch deutet der lasierende Farbfluss, besonders in der Behandlung des Himmels und der Schemen verwischt angedeuteter Bäume am linken Bildrand und im Hintergrund, auf einen Zusammenhang mit Schirmers Erlen am Rhein, seiner angeblich letzten Studie aus der Gegend am Altrhein bei Karlsruhe vor seinem Tode 1863 hin. Schirmer hat hier in unserer Studie jedoch eine andere Baumart in den Blick genommen als die für die Altrheinregion typische Schwarzerle. Die schmalen spitzen Blätter, deren Unterseite silbrig im Licht schimmert, ähneln denen der Silberweide. Auch diese findet man im Auenwald. Freilich ist es nicht Schirmers Absicht, uns eine Lehrstunde in Botanik zu geben, doch ist ihm an der exakten Charakterisierung dieses Baumindividuums und dessen Erscheinung im spezifischen Lichte dieser Stunde gelegen. Die Analogien in Naturauffassung und Duktus in beiden Werken entsprechen seiner Arbeitsweise, sich der Naturerscheinungen immer wieder aufs Neue zu vergewissern, aus der er eine "viel größere Offenheit gegenüber dem Fließenden und Flüchtigen" gewann als etwa sein Schüler Andreas Achenbach.