Friedrich Voltz
1817 Nördlingen - München 1886
Baum auf losem Untergrund
Öl auf Leinwand, auf Pappe montiert, unten rechts monogrammiert: "F. V.", verso zweifach mit dem Nachlass-Stempel des Künstlers, 26,7 x 33 cm
Felslandschaft
Öl auf Leinwand, auf Pappe montiert, unten rechts signiert: "F. Voltz", verso zweifach mit dem Nachlass-Stempel des Künstlers, 28,2 x 35 cm
Die beiden Ölstudien von Friedrich Voltz verdeutlichen einen ganz besonderen Aspekt der Ölskizze, der sie deutlich von einem auf Repräsentation ausgelegten großformatigen Gemälde unterscheidet. Sie stehen für das Versinken des Malers in sein Motiv. Die extreme Nahsicht, durch die wir uns förmlich in die Landschaft gepresst fühlen, verleiht uns die Möglichkeit einer optischen Empfindung analog der künstlerischen. Es ist das Gefühl des authentischen 'Dabei-seins'. Nichts an der Landschaft ist geschönt, nichts komponiert, nichts arrangiert. Wir sehen mit den Augen des Künstlers. Allerdings bringt gerade dieses Sehen einen Aspekt in die Ölskizze hinein, der sie von der Landschaftsdarstellung vollständig unterscheidet. Die unmittelbare Direktheit der Nahsicht lässt den Betrachter an einem Nicht-Ort zurück. Es gibt keine Möglichkeit der Verankerung, der Rückversicherung, der Verortung. Man ist gleichsam mit verbundenen Augen an einen Ort geführt worden und findet sich nun plötzlich sehend vor einem Stück Natur, das sich einem nur durch das Auge erschließt. Gerade dies macht den großen Reiz dieser Arbeiten aus. Man verlässt sich auf das Sehen von Formen und Farben, Strukturen und Beziehungen. So wird der unwirtliche Ort mit dem Erdabbruch und dem beinahe im Fall innehaltenden Baum zu einem Farbfeld, in dem sich der Pinsel die Schemen des Gesehenen erarbeitet. Auch der Blick des Betrachters wird durch die Wirbel der Farbe, das helle Aufleuchten und das diffuse Sich-Zurückziehen einzelner Elemente zu einer steten Neuzusammensetzung des Sichtbaren geführt. Das Bild erschließt sich nicht als harmonische Einheit, das seine Begrenzungen zu einer Fokussierung treibt. Es zeigt sich als so nah an der Natur, dass man das Bild nicht mehr als Gegenüber auffasst, sondern sich so weit in diesen Ausschnitt einsieht, dass man selbst Teil davon wird. Das Fehlen der distanzierenden Elemente wie rahmende Bäume und Ähnliches, die nicht ohne Grund als Repoussoirs, als "Zurückdränger" bezeichnet werden, verhindert den Fensterblick auf die Landschaft und macht den Betrachter zum Komplizen des die Natur mit dem Pinsel erobernden Malers.
In der vor Felsen förmlich überquellenden Ölstudie findet sich Ähnliches. Allerdings ist hier der Blick nicht auf den Boden gerichtet sondern geradeaus in die Landschaft, doch der spitze Felsenbrocken vorne links und der große, von rechts bis in die Bildmitte ragende Fels verschränken den Bildraum so stark, dass auch hier eine direkte Konfrontation mit der Natur geboten wird. Der Ausblick, den man noch erhält, verliert sich im Dunst der unscharf werdenden Konturen. Wie dunkle Wolken steigen die Bäume in das Blau des Himmels, der selbst schon zurückgedrängt wird, um schließlich rechts von den Büschen auf dem Felsen verschluckt zu werden. Künstler wie Betrachter stehen vor einer Felswand, die keinen Weg in die Landschaft bietet, auch kein Weiterkommen oder Zurückkehren. Dem Wanderer über dem Nebelmeer gleich ist dies das Ende der Reise.
Friedrich Voltz offenbart in diesen Ölstudien, die er so gut wie nie verkaufte oder ausstellte, eine gänzlich andere künstlerische Haltung als in den Gemälden, die seinen Ruhm begründeten. In den sogenannten "Viehstücken", den Kuhherden in bayerischer Landschaft, zeigt sich eine Harmonie von Mensch, Tier und Natur, die eine handfeste und greifbare Idylle nicht nur evoziert, sondern deutlich sichtbar vor Augen stellt. Arkadien ist keine Utopie, sondern ein ganz konkreter Ort, die antiken Gewänder sind getauscht mit den Hirtenmänteln. Sie erscheinen als "animalische Konversationsstücke", harmonisch sowohl in der gesamten Erscheinung, als auch in jedem einzelnen Teil. Ganz anders also als die Konfrontation mit der rauen Natur, die uns in den Ölskizzen entgegenschlägt. Das Brüchige, das Unzugängliche der Natur wird hier gegen den Menschen gestellt, ohne ihm allerdings eine Bezugsmöglichkeit durch sublime Erscheinung zu ermöglichen. Das latent Bedrückende, das aus dieser Auseinandersetzung mit der so extrem nahe herangerückten Natur entsteht, das findet man weder bei Voltz' bayerischen Kollegen wie Eduard Schleich d. Ä., Heinrich Bürkel oder Adolf Lier, sondern eher bei einem anderen Freund von Voltz: Carl Spitzweg. In seinen Häuserschluchten, den Hinterhöfen, den Mönchsklausen oder auf den Wegen durch die Alpenschluchten trifft man das Gefühl der Enge der umschließenden Umgebung wieder. So beschaulich dies auf den ersten Blick erscheinen mag, es täuscht doch nicht darüber hinweg, dass Spitzweg ein Maler ist, der in seinen Bildern die trichterartige Unentrinnbarkeit vergegenwärtigt. Voltz fehlt der sozialkritische Hintergedanke Spitzwegs, aber auch er sucht in den hier gezeigten Ölskizzen eine Umschließung des Betrachters.