August Kestner

1777 Hannover - Rom 1853

Letzte Erinnerungen

Bleistift auf Papier, unten rechts bezeichnet und datiert: "Kestner, um es im nächsten Jahre besser zu machen. Rathsberg 20. Sept. 1852", verso mit Gedicht, 218 x 295 mm

August Kestner war großzügiger Mäzen und schlafwandlerisch sicherer Sammler von Antiken. Dies bezeugen ungezählte Briefe von ihm geförderter Künstler sowie das eindrucksvolle Kestner-Museum in Hannover, heutiger Standort seiner Sammlung. Kestner war nicht nur Mäzen und Sammler sondern auch Künstler: Er zeichnete leidenschaftlich gerne, zudem betätigte er sich schriftstellerisch, etwa als Verfechter der nazarenischen Ästhetik ? am bekanntesten ist wohl seine Erwiderung 1817 auf Goethes Kritik derselben. Sein später enger Kontakt zum Kreis der Nazarener entstand lange bevor es diesen überhaupt gab: 1805 traf der damals 17jährige Overbeck auf Kestner und wurde durch ihn mit italienischen Meistern des 14. und 15. Jahrhunderts vertraut gemacht. Overbeck zeigte sich noch 1810 in Wien von Kestner beeindruckt: "Wirklich macht ihre Bekanntschaft eine bedeutende Epoche in meinem Leben; so kurz auch der Umgang mit Ihnen, [?] so ließ er doch Eindrücke zurück [?] und hatte auf mich als Künstler und mithin auch als Mensch den bedeutendsten Einfluß." Die Beziehung der beiden darf ohne Zweifel als exemplarisch für Kestners Kontakte gelten.

Unser Blatt zeigt ein Staffelbildnis der Söhne des Vetters Beckh, ganz in der Manier der Nazarener ? als feine Zeichnung mit spitzem Bleistift. Die Familie besuchte auf sehnlichen Wunsch des Gastes die Burg Egloffstein, worüber Kestner in sein Tagebuch schrieb: "Der schönste Tag." Am 20. September 1852, einen Tag vor Kestners Abreise, ist unsere Zeichnung tief geprägt von der Zuneigung zur Familie Beckh entstanden.

Trotzdem ein Staffelbildnis die Gefahr der Stereotypie birgt, zeugt hier jedes Knabengesicht von dem einfühlenden, fast schon haptisch differenzierenden Duktus Kestners. Es liegt eine sehr glückliche Balance zwischen dem Zusammenhalt signalisierenden Darstellungsmodus des Staffelbildnisses einerseits und dem genauen Blick auf jeden einzelnen Knaben andererseits vor. Verwiesen nicht die Rahmenumstände bereits auf die Funktion des Blattes als melancholischer Spielart des romantischen Freundschaftsbildnisses, so erahnte man es bereits in dem zartfühlenden Zeichenstil. Auch die Zeilen verso sind herzliches Zeugnis Kestners Verbundenheit, mehr noch dramatischer Vorbote seines nahen Todes. Sie drücken sein Leid über den Abschied aus, zugleich begründen sie diesen im unerträglichen Wetter; am 5. März 1853 starb Kestner an einem Lungenschlag, ausgelöst durch einen unerwarteten Wettereinbruch im sonst so klimatisch wohltuenden Rom.