Christoph Heinrich Kniep
1755 Hildesheim - Neapel 1825
Der zweite Himmel
Feder über Spuren von Bleistift auf Papier; unten links signiert,
bezeichnet und datiert: "C. H. Kniep fec. Napoli. 1812"; 47,5 x 25,1 cm
Im Jahre 1785 brach Christoph Heinrich Kniep von Rom nach Neapel
auf. Trotz Bindungen an den römischen Künstlerkreis um Johann
Heinrich Wilhelm Tischbein sah Kniep hier die besten Inspirationen für
seine Landschaften, die ihm stets am meisten am Herzen gelegen haben.
Doch auch in anderer Hinsicht sollte diese Umsiedlung von großer
Bedeutung für den Künstler sein.
Im Jahre 1787 begleitete Kniep auf Anraten Tischbeins Johann Wolfgang
von Goethe bei seiner Sizilien-Reise. Goethe war von dem Talent des
sonst sehr zurückgezogenen und isoliert lebenden Kniep äußerst angetan
und setzte sich auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland für ihn ein
und verhalf ihm zu weit verbreitetem Ansehen als Künstler.
Das vorliegende Blatt aus dem Jahre 1812 stellt eine Rarität im Werk
Knieps dar, da sich dieser in der Zeit von 1800 bis 1815 von den großformatigen Tuschzeichnungen abwendete und ab 1810 fast kein solches
Werk mehr geschaffen hat. Dies mag auf den revolutionsbedingten Rückgang der Italienreisenden zurückzuführen sein, der den Aufwand für ein
solches Blatt in Feder nicht mehr rechtfertigte.
Zur selben Zeit tritt ein Wandel bei der Verwendung von antikisierenden
Figuren in Knieps Werk ein. Sie dienen nun vorrangig, wie auch in dem
vorliegenden Werk, der Unterstützung einer arkadischen Gefühlsstimmung.
Das et in Arcadia ego-Motiv, also die stets ersehnte, poetisch verklärte
Hirtenlandschaft, wurde häufig mit Neapel identifiziert. Es diente
einerseits zur Symbolisierung des Ideals der antiken Welt, das sich in der
friedvollen Symbiose von Mensch, Natur und Göttern gestaltete, gleichzeitig
aber auch als Mahnmal für das, was verloren gegangen ist.
Allerdings tritt der "memento mori"-Charakter der arkadischen Landschaft
in diesem Blatt hinter dem der elegischen Ideallandschaft zurück.
Der über der Inschrift befindliche Sarkophag mit der melancholisch eine
Urne umgreifenden Figur, wird sowohl durch die Gruppe der drei
Wanderer, die auf das Monument aufmerksam machen, als auch durch die
mit Speis und Trank rastende Gruppe seiner mahnenden Wirkung beraubt.
Auch das Motiv der dominierenden Pinie, die mit ihrer Krone die Szene
wie ein zweiter Himmel schützend überdacht, verstärkt den Charakter
eines unberührten, intakten Idealortes, der vielmehr einen existierenden
und auffindbaren Ort symbolisiert, als einen, den die Menschheit verloren
hat. Es erscheint fast als eine Art Aufforderung an den Betrachter, sich
selbst auf die Suche nach diesem Traum zu machen. Daß dies nicht
unmöglich ist beweisen die Wanderer im Bild: sie haben das Ziel ihrer
Suche bereits erreicht.