Viktor Paul Mohn

1842 Meißen - Berlin 1911

Das blaue Licht der Campagna

Aquarell über Feder auf Papier, unten rechts in Bleistift (eigenhändig?) datiert:

"1879"; 27,8 x 47,5 cm

Die Generation junger Künstler, die in den 1850er und 1860er Jahren unter Anleitung Ludwig Richters ihre Kunst entwickelte, ist auch heute noch, in Zeiten intensiver Auseinandersetzung mit den Künstlern der Romantik, weitgehend unbeachtet. Victor Paul Mohn, Albert Venus, Ludwig Friedrich und viele mehr stehen in der Rezeptionsgeschichte völlig zu Unrecht im Schatten ihres großen Lehrers. Dabei haben gerade Mohn und Venus auf ihrer gemeinsamen Italienreise im Jahre 1866 einen Zeichen- und Aquarellstil entwickelt, der nur noch ansatzweise Verbindungen zu Ludwig Richter aufweist. Das vorliegende Blatt, das zu den wichtigsten Aquarellen Mohns zu zählen ist, legt hiervon Zeugnis ab. In einzelnen kleinen Blättern im Vordergrund erkennt man noch Anleihen an die Detailverliebtheit des Lehrers, die dieser zur Strukturierung seiner Bildgründe so meisterhaft kultivierte. Doch dies darf und kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich das Blatt selbst nicht aus Linien konstituiert, sondern in den nuancierten Farbübergängen der großen Bodenflächen als malerisches Experiment zu erkennen gibt, dem es darauf ankommt, innerhalb einer reduzierten und zurückgenommenen Farbpalette eine Räumlichkeit zu erzeugen, die mehr auf Lichteffekte denn auf lineare Konstruktion aufbaut. Das dürre Gewächs, das sich zentral im Vordergrund nach oben reckt und fast bis zur Mitte des Bildes reicht, wirkt daher auch mehr als überwundenes Überbleibsel der Linearität Richters und betont vielmehr die neu erzielte Dominanz der Farbe über die Linie. So verharrt der Hain auf dem kleinen Hügelrücken auch nicht in einer klar umrissenen, jeden Baum gegen den anderen abgrenzenden Struktur, sondern dynamisiert sich als organisches Element im Bild durch die verschiedenen Farbübergänge. Im Hintergrund verschmelzen die Ruinen der römischen Campagna mit dem Braun der Erde und dem Blau der Berge. Mohn reiste zwei Mal nach Italien. Zuerst 1866/67 mit Albert Venus und Carl Wilhelm Müller und nochmals 1868/69. Bei diesen Reisen hielt er sich häufig in der für so viele Künstler faszinierenden Campagnalandschaft auf.

Unser Blatt zeigt den Hain der Egeria, ein Gebiet in der römischen Campagna südöstlich von Rom. Für den Namen stand ein antikes Nymphäum in der Villa des Herodes Atticus Pate, das man mit der Nymphe Egeria in Verbindung gebracht hat. Dies allerdings fälschlicherweise, da sich das eigentliche Heiligtum am Caelius, einem der sieben Hügel Roms befindet. Friedrich Theodor Vischer schrieb die folgenden Worte über diese römische Gegend, die auch eine passende Beschreibung unseres Blattes abgeben: "Diese weite Öde um Rom, bietet ein Farbenspiel, einen bläulich silbernen Duft der Ferne, der den Maler entzückte und dem Laien vielleicht besser als irgend ein Fleck der Erde sagt, was Schönheit der

Landschaft sei." Bei unserer Arbeit scheint es sich um eine Variante des Campagna-Motivs zu handeln, das sich auch bei den beiden berühmten Sammlern deutscher Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, Konsul Heumann und Johann Friedrich Lahmann, findet. Im Versteigerungskatalog der Galerie Kornfeld wird das Blatt als Arbeit von Albert Venus angeboten, mit dem Hinweis, daß es in den Ausstellungskatalogen der Sammlung Heumann zwar als eigenhändige Arbeit Mohns gelistet wurde, handschriftliche Notizen Heumanns aber eine Zuschreibung an Venus nahe legen. Das Blatt der Sammlung Heumann weist nur ganz geringfügige Detailabweichungen zu unserer Arbeit auf. So fehlt der auf unserem Blatt am unteren linken Rand der Baumgruppe sitzende Mann ebenso wie die Vögel über der Baumgruppe. Auch die Schafherde des Hirten am rechten Rand zeigt eine andere Anordnung. Gleichzeitig weisen beide Blätter Differenzen im Bereich der Himmelszone auf.

Das Blatt der Sammlung Lahmann trägt die Ortsbezeichnung und zeigt, wie unsere Arbeit, den sitzenden Mann unter der Baumgruppe. Insgesamt ist das Lahmann-Blatt unserem Blatt näherstehend, wenn auch minimale Veränderungen vorgenommen wurden. Vergleicht man unser Blatt mit signierten Arbeiten Mohns in der Sammlung Dräger und mit Arbeiten Venus' in der Mannheimer Kunsthalle, so fallen die Unterschiede beider Künstler deutlich auf. Venus hält vehementer an einer klar umrissenen Flächenordnung der Landschaft fest. Dies zeigt sich in der Strukturierung von landschaftlichen Flächen durch eine abgrenzende Umrißzeichnung in Feder. Mohn hingegen präferiert den harmonischen Farbübergang, wie er ja überhaupt eine weniger intensive Farbpalette als Venus verwendet, was sich auch in den vorliegenden Blatt deutlich zeigt. Schließlich ist auch die Komposition des Blattes typisch für Mohn, der stets weite Landschaften bevorzugte, die sich sowohl in die Tiefe als auch in die Weite erstrecken. Venus hingegen thematisiert meist den kleinen Flecken Erde, der dem Menschen als Rückzugsgebiet dient, wie dies vor ihm schon sein Lehrer Ludwig Richter getan hat.

Das vorliegende Blatt, das so eindrucksvoll die Stimmung der Spätromantik

heraufbeschwört, gehört zu den wichtigsten Blättern in Mohns OEuvre.