Ernst Ferdinand Oehme

1797 Dresden 1855

Wirklichkeitsaneignungen

Bleistift auf Papier, verso bezeichnet "Ernst Ferdinand Oehme 1797-1855", Sammlung Rech, 216 x 262 mm

Der Dresdener Ernst Ferdinand Oehme gehörte nicht nur faktisch der vermittelnden Generation zwischen Früh- und Spätromantik an, vielmehr ist sein Werk ein beredtes Zeugnis dieser Stellung: Nach ersten autodidaktischen Versuchen wandte er sich 1819 dem unkonventionellen Norweger Claussen Dahl zu. Zahlreiche Ölskizzen und Oehmes Interesse für atmosphärische Erscheinungen zeugen von Dahls malerischem Realismus.

Kaum zwei Jahre später näherte er sich der mystischen Facette C. D. Friedrichs an. Nach einer ausgedehnten Italienreise und dem nicht minder beeindruckenden Alpenerlebnis kehrte er 1825 nach Dresden zurück; spätestens hier wird die Freundschaft mit Ludwig Richter in seinen Werken sichtbar. Damit nicht genug, nimmt Oehme später den effektvollen Kolorismus der Düsseldorfer Schule auf.

Es ist ein prosaischer Ausblick über Dresden, der als Riegel mittig über dem Papier liegt. Die Horizontlinie verläuft am oberen Drittel des Blattes, von dort schichten sich präzise gezeichnet Häuserzeilen, Schornsteine und vereinzelte Bäume dicht hintereinander zu einer Stadtlandschaft. Die Darstellung bricht nach unten hin an den Silhouetten einiger Dachfirste ab. Obgleich die konkrete Zeichnung kaum ein Drittel des Blattes einnimmt, vermag sie es dennoch imaginativ zu füllen. Signifikante architektonische Anhaltspunkte finden sich einzig im Turm kurz vor der Horizontlinie; in ihm ist der Turm der Kreuzkirche am Dresdener Altmarkt zu erkennen. Da Oehme deren nach Osten hin anschließendes Satteldach zeigt, muß auch er sich in dieser Richtung befunden haben. Sein Standpunkt ist erhöht über den Dächern, von der Kreuzkirche befindet er sich etwa 500 Meter entfernt. So ergeben sich wesentliche Anhaltspunkte für die Lokalisierung dieser Ansicht in Dresden und vor allem in Oehmes Werk. Zunächst ist es unwahrscheinlich, hierin eine Vorlage für ein aufwendig inszeniertes Gemälde zu vermuten. Vielmehr wird es sich dem Motiv zufolge um eine Gelegenheitsskizze handeln. Auf alten Stadtplänen Dresdens läßt sich nachvollziehen, daß die Aussicht recht genau vom Pirnaischen Tor, zumal von dessen erhöhter Warte aus gewonnen werden konnte. Just dort arbeitete Oehme zwischen 1815 und 1817 als Torschreibergehilfe; auch waren es diese Jahre, in denen er mit seinen Zeichenstudien begann. So ist unser Blatt mit recht großer Wahrscheinlichkeit eine der ganz frühen Arbeiten Oehmes, die ansonsten großteils 1945 zerstört wurden.