Oskar Schlemmer

1888 Stuttgart - Sehringen (Badenweiler) 1943

Spannungsfelder im Raum

Bleistift auf kariertem Papier, 133 x 84 mm

In den frühen Bauhausjahren erarbeitete Oskar Schlemmer die Bildsprache, die seinem künstlerischen Anliegen ganz entsprach, die er von da an zwar variierte und erweiterte, aber nicht mehr grundsätzlich in Frage stellte. Bei der Arbeit an seinem Lebensthema, dem Menschen im Raum, hatte er eine gültige Formulierung gefunden, in der die strenge, abstrahierte Form der menschlichen Gestalt mit seiner Auffassung vom Menschen als harmonisch in den Kosmos eingefügtes Wesen korrespondiert.

In immer neuen Variationen nahm er in seinen Bildern Aufstellungen im Raum vor. Die aufrechten Figuren werden dabei entweder frontal, im Profil oder in Rückenansicht gezeigt. Das vorliegende Blatt ist ein schöner Beleg für die Prinzipien seiner Kunst: die strenge, orthogonale Ausrichtung der Figuren, den offenen Rhythmus der Gruppierung und die freie Staffelung im Raum, die jeder Figur eine eigene Sphäre beläßt. Ganz vorn ragt rechts ein im Profil gezeigter Kopf ins Bild und erscheint mit seinen Locken beinahe klassisch. Darüber wird eine zweite Figur sichtbar, ebenfalls im Profil, aber bereits stärker schematisiert. Die Abstraktion ist in den beiden übrigen Figuren mit ihren ausgeprägten Taillen und schräg geneigten Köpfen noch deutlicher. Die Verwendung von sehr verschiedenen Figurengrößen nebeneinander weitet die nur begrenzt zur Verfügung stehende Fläche zum imaginären Raum.

Schlemmer war von den Möglichkeiten der Komposition im Bildraum über viele Jahre fasziniert, als junger Bauhausmeister zunächst, der Gemälde wie "Konzentrische Gruppe" und "Fünf Figuren im Raum (Römisches)", beide 1925, schuf, bei der Arbeit am Zyklus für den Brunnenraum des Folkwangmuseums in Essen (1928), während der Zeit seiner Breslauer Professur und schließlich bei seinen Malereien auf Ölpapier in den dreißiger Jahren, als man ihm jegliche öffentliche Anerkennung versagte.

Trotz der Skizzenhaftigkeit des hier gezeigten Blattes wird die Atmosphäre der höchsten Konzentration spürbar, mit der der Künstler seine Werke plante. Auch in diesem Falle kann die Vorstellung eines Gemäldes entstehen, das zwar noch in die große Form umgesetzt werden müßte, in der Zeichnung im Wesentlichen jedoch bereits angelegt ist. Die räumliche Konstellation läßt nicht von ungefähr auch an einen Bühnenraum denken, denn tatsächlich war die Arbeit für die Bühne der zweite wichtige Gestaltungsschwerpunkt in Schlemmers Leben, der als Autor von eigenen avantgardistischen Bühnenwerken immer wieder auch deren Inszenierung übernahm.