Hans Thoma
1839 Bernau - Karlsruhe 1924
Wald bei Bernau im Schwarzwald
Aquarell über Bleistift und Pastell auf Karton, unten rechts ligiert signiert, datiert und bezeichnet: "HTh 13.7.79 Bernau", 44,6 x 46,9 cm
Als Hans Thoma im Jahre 1870, getrieben durch Schmähungen seiner künstlerischen Fähigkeiten, die er sich in Karlsruhe unter der Anleitung von Johann Wilhelm Schirmer erworben hatte, nach München reiste, lag die größte "Klarmachung" seiner eigenen künstlerischen Position bereits hinter ihm. Im Jahre 1868 verbrachte er zwei Wochen mit seinem Malerfreund Otto Scholderer in Paris, wo die Werke und die Person Courbets den Künstler in ihren Bann schlugen. Die starke Naturverbundenheit und die Überlegungen zu Methoden der Malerei sollten fortan für Thoma bestimmend sein. In Courbet fand er die Bestätigung, daß die Natur nicht durch akademische Regeln domestiziert werden darf. Die Angst vor Anti-Ästhetischem in der Natur wich einer Hingabe zu genau der Natur, so wie sie erschien. Der Schwerpunkt der Kunst verlagerte sich auf ein einfaches "Arbeiten in naturgemäßer Technik".
So verwundert es nicht, daß Thoma sich bereits kurz nach seiner Ankunft in München dem Malerkreis um Wilhelm Leibl verbunden fühlte. Die Transformation des Schlichten und Einfachen hin zu einer Selbstwertigkeit im Bild von historischem Ausmaß traf exakt den Nerv, den Courbet bei Thoma freigelegt hatte.
Wenn auch er die Einflüsse verarbeitete und Ausbrüche in einen Symbolismus Böcklins wagte, so beruht die Kraft seiner Bilder stets auf der Einfachheit der Form, die ihr in ihrer Isolierung den gebührenden Rang erwirbt.
Das vorliegende Blatt, entstanden im Jahre 1879, fällt in eine Schaffensphase Thomas, die geprägt ist von einer immer stärker werdenden Annäherung an Böcklin. Um so interessanter ist es zu sehen, daß er hier dennoch der Landschaft in ihrer naturwüchsigen Form huldigt. Jede einzelne Birke ist in ihrer Unebenheit und Wildheit von der jeweils anderen differenziert, doch durch die Reduktion auf einheitliche Schemata erreich Thoma ein geschlossenes Bildgefüge, das trotz des beliebig gewählt scheinenden Ausschnittes als homogene Sehnsuchtsvorstellung von urtümlicher Naturverbundenheit erscheint. Der gerasterte Ausblick auf die Wasseroberfläche wirkt durch die Dominanz der Grüntöne als Ahnung hinter der labyrinthartigen Anordnung der Bäume fort. So trägt auch die Lumineszenz der Darstellung zur inneren Ruhe bei, die den Hain als Hort der Urtümlichkeit erscheinen lassen.
So mag er zwar in diesem Blatt stilistisch entfernt erscheinen von einem Leibl, Trübner oder Courbet, doch umschließt ein Satz Thomas sowohl das Blatt als auch die anderen Protagonisten seines Wirkungskreises: das Ideal ist das "Sichversenken in die Stille, dies reine Schauen, das frei ist von Begebenheiten".