Albert Venus

1842 Dresden 1871

Die Welt der Serpentara

Aquarell über Bleistift und Feder mit leichter Weißhöhung auf Papier mit Wasserzeichen; unten rechts in Feder bezeichnet und signiert: "Serpentara d. 22. Sept. 66 AVenus"; daneben in Bleistift: "mit Carl u. Jahn u. Mohn". Verso mit weiteren Bleistiftstudien und einer Inschrift; 39,8 x 54 cm

Im Jahre 1856 trat der damals 14 Jahre alte Vollwaise Albert Venus in die Dresdner Akademie ein. Schon bevor Ludwig Richter ihn als einen seiner "liebsten und talentvollsten Schüler" bezeichnete, fiel er durch sein großes zeichnerisches Talent auf. Diese Hochachtung beruhte auf Gegenseitigkeit und so ließ sich Venus keine Möglichkeit entgehen Richter auf seinen Wanderungen innerhalb Deutschlands, vornehmlich in Böhmen, zu begleiten und von diesem zu lernen.

Am 10. Juni 1866 aber brachen Venus und sein Freund Victor Paul Mohn nach Rom auf, wo sie bald darauf eintrafen und bereits am 5. September die Sabinerberge erkundeten. Als am 22. September des gleichen Jahres Venus das hier vorliegende Blatt begann, hatte die italienische Landschaft bereits einen tiefen Eindruck bei dem jungen Künstler hinterlassen und er konzentrierte sich auf die liebliche Wildheit des Eichenwäldchens. Der Blick des Betrachters schweift über die summarisch in Gelb- und Rottönen gehaltene Fläche mit dem Hirtenjungen über die um so detaillierter gestalteten Büsche um dann in die sanfte Land mit ihren romantischen Blautönen gelenkt zu werden. Die außergewöhnlich stimmungsvolle Landschaft beschreibt einen hervorragenden Mittelweg zwischen der präzisen zeichnerischen Richter-Schule und dem späteren, eher malerisch gehaltenem Stil Venus?. Einerseits huldigt er noch der strengen Linienführung Richters, anderseits setzt er sich durch eine flächige, ungebundene Gestaltungsweise von diesem ab. Auch die Rezeption der Serpentaralandschaft unterscheidet sich teilweise von Ansichten seines Lehrers, die dieser während seines Aufenthaltes in der olevaner Gegend gefertigt hatte. Der Platz wird zu einem "locus amoenus" transformiert, verkörpert durch den sich träumerisch selbst überlassenen Hirten. Zwar ist auch für Venus die Staffage noch ein entscheidender Bildgegenstand, doch tritt diese deutlich hinter der Landschaft zurück.

Somit vermittelt uns Venus hier eindringlich die Sehnsucht nach einem Ort fernab von jeglicher Außenwelt und entführt den Betrachter an einen Platz der Sehnsucht.

Albert Venus schuf hier ein bedeutendes Stück Spätromantik, fünf Jahre vor seinem frühen Tod.

Seine enge Freundschaft zu Victor Paul Mohn kommt auch in diesem Blatt deutlich zum Vorschein. So setzt der den Namen seines Freundes Mohn direkt neben seine Signatur . Somit gibt er uns zu verstehen, daß dieser, wenn auch nicht im technischen, so doch im geistigen Sinne an der Genese dieses spätromantischen Meisterwerkes beteiligt waren.