Gerrit Zegelaar

1719 Loenen aan de Vecht (Utrecht) - Wageningen (Gelderland) 1794

Der intime Blick

Kreide und Weißhöhung auf blauem Papier, 243 x 291 mm

Gänzlich intim und unbeobachtet wähnte sich dieser vornehme Kavalier, als er sich genehmigte, kurz auf der Bank Rast zu suchen und sogleich in einen tiefen Schlummer zu fallen. Das ruhende Gesicht hat er auf die rechte Hand gestützt, das linke Bein ist im Schlaf über die Sitzfläche des Stuhles hinausgerutscht, mit der Gefahr jede Sekunde abzugleiten und den schlafenden Kavalier, vielmehr noch den Beobachter aufschrecken zu lassen. Gerrit Zegelaar beschreibt mit seiner Zeichnung keinen Kontext oder Handlungsrahmen. Darum ging es ihm offenbar nicht; es ist vielmehr die Suche nach dem ungestellten, unverfälschten Anblick, nach der heimlichen Beobachtung, die Zegelaar motivierte. Von ähnlicher Art zeugt eine weitere bekannte Zeichnung des Künstlers. Auf ihr ist ein Kavalier versunken in Arbeit in seinen Privatgemächern festgehalten. Neben der Ähnlichkeit der privaten Thematik, ist dieses Blatt auch in zeichnerischer Hinsicht verwandt: Zegelaar arbeitet mit energischen und zugleich weichen Kreidestrichen; Umrisse, harte Kanten und Falten vor allem aber vielfältige, großzügige Schraffuren in Abwechslung mit freien Flächen überziehen das Blatt und scheinen in ihrer flirrenden Anmutung von der nervösen, hastigen Hand des heimlichen Zeichners zu zeugen. Wenngleich für Zegelaars Ölmalerei der Rembrandt-Schüler Gerrit Dou als Vorbild gilt, ist die vorliegende Zeichnung eher verwandt mit der Tradition der intimen Momentaufnahme, die sich für vermeintlich Bildunwürdiges interessiert. "Ich zeichnete nebenher. [?] und zeichnete so geschwind [?], als es die Zeit oder die Stätigkeit der Person erlaubte. Bat niemals um Erlaubnis, sondern suchte es so verstohlen wie möglich zu machen, denn wenn ein Frauenzimmer weiß, dass man´s zeichnen will so will es sich angenehm stellen und verdirbt alles [?]". Dies schrieb einer der prominentesten Vertreter dieser Tradition, Daniel Chodowiecki, ganz analog zur Anmutung von Zegelaars Zeichnung. Trotzdem wir wenig über Zegelaar wissen, mag unsere Zeichnung Anlaß geben, ihn an der Seite Chodowieckis als Vorreiter zu sehen.In deren Nachfolge beförderten Kersting und Menzel bekanntlich diese realistische Tendenz und sorgten so für die Demontage des alten Kunstideals, was ebenfalls bereits Chodowiecki erkannt hatte: "Was habe ich da zuweilen für herrliche Gruppen [?] mit allen Vorzügen, die die Natur, wenn sie sich selber überlassen ist, vor allen den so gerühmten Idealen hat, in mein Taschenbuch eingetragen!"