Johann Friedrich Overbeck
1789 Lübeck - Rom 1869
Die Heimkehr des verlorenen Sohnes
Bleistift auf Papier, 13,1 x 11,7 cm
Der protestantisch erzogene Lübecker lernte über die Umrisszeichnungen der Brüder Riepenhausen die Werke italienischer Frührenaissance kennen. Unzufrieden mit der klassizistisch geprägten Ausbildung an der Wiener Akademie gründete er dort gemeinsam mit Franz Pforr und vier weiteren Künstlern 1809 den Lukasbund. Als die Akademie durch die Invasion Napoleons zeitweise geschlossen wurde, übersiedelte die Gruppe 1810 nach Rom, wo sie in einem ehemaligen Kloster in ordensähnlicher Gemeinschaft lebte und arbeitete. 1813 konvertierte Overbeck zum Katholizismus und stellte sein Schaffen ausschließlich in den Dienst der Kirche. Overbeck verstand sein Werk im Sinne mittelalterlicher Künstler als Dienst an Gott. Durch die Orientierung an der italienischen Vor- und Frührenaissance, vor allem den Werken Raffaels, versuchten die Nazarener eine unverfälschte und ursprüngliche Kunst zu schaffen, die Natur, Mensch und Gott als Einheit begreift.
Overbeck stellte die Kunst ausschließlich in den Dienst der Religion und forderte, "daß die Kunst unmittelbarer zur Erbauung und Besserung wirke, daß sie eine Predigerin sei". Zahlreiche Angebote, lukrative Posten in Deutschland anzunehmen, lehnte er ab, um seinem Ideal eines zurückgezogenen Lebens in Konzentration auf religiöse Themen gerecht zu werden. Die feine Bleistiftzeichnung bezieht sich auf ein Bibel-Thema, das von vielen Nazarenern behandelt wurde: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Reumütig kehrt er mit gesenktem Kopf in die Arme seines Vaters zurück. Die Gruppe der beiden Männer stellt Overbeck zentral in den Vordergrund und verbindet sie durch Armhaltung und Faltenwurf zu einer Einheit. Im Hintergrund auf einer Treppe künden Fanfaren von der Rückkehr. Das Symbol des Menschen, der, durch die verführerischen Gaben der Welt, schutzsuchend zum Ursprung zurückkehrt und mit offenen Armen empfangen wird, war für den Kreis der Nazarener gleichzusetzen mit ihrem missionarischen Ziel der Kunst, der Rückführung zu reinen Ursprüngen.
Overbeck blieb als einziger Nazarener, nur unterbrochen von kurzen Reisen, sein Leben lang in Rom und wurde Anlaufpunkt für viele Künstler in Rom. So eigentümlich es heute klingen mag, war Overbeck in der ersten Hälfte des 19.Jh. der bekannteste deutsche Künstler im Ausland.