Pompeo Cavaliere Marchesi

1789 Saltrio (Provinz Como) - Mailand 1858

Verkleinerung der Sitzfigur von Goethe

nach der Marmorskulptur in der ehemaligen Frankfurter Stadtbibliothek, 1838

Bronze auf schwarzem Marmorsockel; Inschrift auf der Sitzbank rechts, jeweils untereinander: C.P.MARCHESI / C.F.IHLEE / francfurt edit; zweite Hälfte 19. Jahrhundert; Höhe 51 cm (ohne Sockel)

Frankfurts berühmtester Sohn ist 175 Jahre nach seinem Tod im Stadtbild noch allgegenwärtig: Kulturelle Stätten wie das Goethe-Haus mit dem Goethe-Museum, ein Goethedenkmal und Bezeichnungen wie Goethestraße und Goetheplatz erinnern an den Dichter, der am 28. August 1749 im Großen Hirschgraben zur Welt kam. Während Ludwig Schwanthalers Ehrenmal derzeit restauriert wird und anschließend auf dem neu gestalteten Goetheplatz aufgestellt werden soll, hat das ehemals in der alten Stadtbibliothek befindliche Monument von Pompeo Marchesi die Geschichte nicht überdauert. Fotografien und eine Lithographie überliefern das Aussehen des 1838 vollendeten, 1944 im Krieg zerstörten Werks des Mailänder Künstlers, hinzu kommt eine Reihe verkleinerter Reproduktionen, die sich heute in Museen und Privatsammlungen befinden.

Um eine solche Nachbildung handelt es sich auch bei unserem Bronzeguß. Die Signatur des 51 cm hohen Werks gibt an, daß es auf der Vorlage des Originals von C. F. Ihlee in Frankfurt herausgegeben wurde. Identische Fassungen befinden sich im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg (unsigniert) und im Schloß Fasanerie in Fulda. Einer dieser Abgüsse befand sich einst im Besitz des Frankfurter Industriellen Wilhelm Merton (1848-1916). Auf einer Fotografie im Historischen Museum der Stadt ist der verdienstvolle Sozialreformer und Stifter bei der Lektüre an seinem Schreibtisch zu sehen - einen Bronzeabguß von Marchesis Goethe-Statuette zu seiner Rechten.

Der Canova-Schüler Marchesi zeigt den mit einem antikisierenden, faltenreichen Gewand bekleideten Dichter im Lehnstuhl. In ungezwungener Haltung hat er den linken Fuß etwas ausgestreckt und den rechten Arm auf die Lehne gestützt. In seiner rechten Hand hält er eine Schreibfeder, in der linken ein Schriftstück, zwischen dessen aufgeschlagenen Seiten der Zeigefinger geklemmt ist - als Zeichen an den Betrachter, einem privaten und wie zufällig erfaßten Augenblick beizuwohnen, Zeuge zu sein bei der geistigen Arbeit. Der Moment des Innehaltens, das Unterbrechen der schriftstellerischen Tätigkeit wird durch Goethes nachdenklich-sinnierenden Blick gestützt, der sich in der Ferne verliert. Trotz der relativ zwanglosen Haltung und des zeitgenössischen Details der seinerzeit modernen Schaftstiefel wirkt der Dichter bereits wie ein Klassiker: dem Betrachter entrückt.

Bevor die aus carrarischem Marmor gefertigte Statue Marchesis am 15. April 1840 in der Eingangshalle der alten Frankfurter Stadtbibliothek feierlich der Öffentlichkeit übergeben werden konnte, war viel Zeit ins Land gegangen. Immerhin war das Vorhaben, Goethe mit einem Denkmal zu ehren, bereits anläßlich seines 70. Geburtstags im Jahr 1819 aufgekommen. Das Projekt geriet jedoch von Anfang an aus den Fugen. Goethe selbst äußerte sich im Mai 1821 in Form schriftlich niedergelegter "Betrachtungen" mit Skepsis über den von seinem Freund Sulpiz Boisserée initiierten Plan, auf der Mühlau im Main einen antikisierenden Tempel mit einer Standfigur zu errichten: Zu groß für die Ehre eines Einzelnen erschien er ihm. Doch nicht Bescheidenheit allein trieb Goethe an. Wenig Gefallen fand er zudem an dem Gedanken, daß sein Denkmal an einem so abgelegenen Ort errichtet werden könnte, zumal die "Zelle" selbst zwangsläufig "Kellerluft" verströme. Mit seinem Vorschlag, die Statue in der seit 1820 im Bau befindlichen Stadtbibliothek zu errichten, gab Goethe also selbst ziemlich genau die Richtung vor. Das klassizistische Gebäude mit dem vorgelagerten Portikus schien ihm zusammen mit seinem aus den "Belesensten, Wissenschaft Liebenden, Gebildeten" bestehenden Publikum genau das Richtige zu sein.

Wenig ruhmreich verlief die ins Leben gerufene Spendenaktion zur Finanzierung des Projekts. Das insgesamt eher getrübte Verhältnis zu Goethe, der schon 1817 sein Frankfurter Bürgerrecht abgegeben hatte, war mit ausschlaggebend dafür, daß das Geld nicht zusammenkommen wollte. Selbst Heinrich Heine im fernen Berlin ergoß seinen Spott über die politischen Scharmützel und das ergebnislose Bemühen. 1826 war das Projekt dann endgültig ins Stocken gekommen, als mit dem Bankier Bethmann sein größter Befürworter starb. Obwohl dieser einen Exklusivvertrag mit dem auch von Goethe empfohlenen Bildhauer Christian Daniel Rauch abgeschlossen hatte, kam es nicht mehr zur Ausführung von Rauchs mittlerweile viertem Entwurf.

Es ist der Initiative dreier engagierter und betuchter Frankfurter Bürger zu verdanken, daß Goethe schließlich doch noch und gleich zweifach gewürdigt wurde. Aus Scham über die bisherigen, der Stadt Frankfurt nicht gerade zur Ehre gereichenden Geschehnisse beauftragten der Afrikaforscher Eduard Rüppell, der Kaufmann Marquard Seufferheld und der Bankier Heinrich Mylius 1834 Pompeo Marchesi mit der Gestaltung des Denkmals. Marchesi selbst stammte aus Rom, lebte aber seit 1811 in Mailand, wo er 1826 eine Professur an der Malerakademie erhielt. Auch die gebürtigen Frankfurter Mylius und Seufferheld lebten inzwischen dort, was die Wahl des Bildhauers sicher begünstigt hatte. Rüppell übernahm für die künstlerische Ausgestaltung des Goethe-Denkmals die Verantwortung und überwachte auch den schwierigen Transport von Mailand nach Frankfurt im Dezember 1839. Zum Dank vermachte Marchesi den Stiftern je eine Reduktion seines Werks aus Marmor. Alle drei sind in Frankfurt verblieben: Sie werden heute im Historischen Museum, in der Universitätsbibliothek und im Goethe-Museum verwahrt.

Das Bekanntwerden dieser Privatinitiative im Jahr 1837 war jedenfalls der Anlaß, das alte Komitee mit seinem "offiziellen" Denkmal eiligst auf den Plan zu rufen. Ohne Interesse an einem gemeinsamen Projekt beauftragte man lieber Schwanthaler, der nach Bertel Thorvaldsen freilich nur die 2. Wahl war. 1844 befand sich auch diese Statue endlich an ihrem Bestimmungsort.

Marchesis Monument mußte sich natürlich primär an Rauchs Entwürfen messen lassen, denen es in der Anlage der Figur grundlegend ähnelt. Sulpiz Boisserée beklagte, daß Rauch ein "vollendeteres Werk geliefert haben" würde und befand besonders Gewand und Faltenwurf des ausgeführten Denkmals als "unbefriedigend" - obwohl Marchesi gerade in diesem Punkt Boisserées eigenen Vorstellungen weit mehr entgegen gekommen war als Rauch. In der Frage der Ähnlichkeit erhielt das Werk des Mailänders indessen Bestätigung von hoher Stelle. Es war Arthur Schopenhauer, der es "unvergleichlich und wunderschön" nannte und sich nach einem gemeinsam mit Goethes Schwiegertochter Ottilie unternommenen Besuch in der Bibliothek mit den Worten geäußert hatte: "Wir waren beide ganz ergriffen. Sie sagte: Ja, es ist der Vater, es ist wirklich der Vater."

Goethe selbst hat die doppelte Würdigung in seiner Geburtsstadt nicht mehr erlebt. Die Plazierung seines Denkmals in der Stadtbibliothek zumindest entsprach seinem ausdrücklichen Wunsch. Doch auch an der zeitlosen Wiedergabe im antikisierenden Gewand dürfte er Gefallen gefunden haben: "Ein Bild dieser Art", so ließ er einst vernehmen, "kann für alle Zeiten rückwärts und vorwärts gelten."