Nicht nur für Vereinsmitglieder

Große Kunst für kleines Geld

Von Konstanze Crüwell

03. Februar 2011 | Die Gründung von Kunstvereinen lag in der Luft, als das aufstrebende deutsche Bürgertum im frühen neunzehnten Jahrhundert auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens selbstbewusst mitzuwirken begann und sich nun mit Enthusiasmus und Tatkraft der Kunstförderung widmete. In Dresden rief Carl August Böttiger - während der glanzvollen Dürer-Feier am 7. April 1828, dem dreihundertsten Todestag des Künstlers - mit großer Verve dazu auf, einen sächsischen Kunstverein ins Leben zu rufen. Als Oberinspektor des Antikenmuseums und der Mengsschen Gipsabgüsse in Dresden ebenso wie als universalgelehrter Autor war er eine einflussreiche Figur der Goethezeit und hatte natürlich Erfolg: Seinem Appell konnten sich die Teilnehmer des Dürer-Festes nicht verschließen und erklärten umgehend ihren Beitritt.

Auf die "Förderung der bildenden Künste und Belebung der Teilnahme an derselben" einigte man sich als Ziele des neuen Vereins, und daran sollten sich die Mitglieder vor allem durch "Aufmunterung und Unterstützung vaterländischer Künstler" beteiligen. Johann Gottlieb von Quandt wurde auf der ersten Mitgliederversammlung zum Vorsitzenden gewählt. Und dieser Kunstsammler, Schriftsteller und enthusiastische Mäzen etablierte den jungen Verein in kurzer Zeit als bedeutendste Institution der Dresdner Kunstszene - und als Vorbild solcher Vereine in anderen Städten.

Mit Goethe korrespondierte er regelmäßig, und fast immer ging es in seinen Briefen um die künstlerische Qualität der Ankäufe für den Verein. Um verheißungsvolle junge Künstler zu unterstützen, entwickelte sich ein gut funktionierendes System: Aus den akademischen Ausstellungen erwarb ein vom Verein gewählter Ausschuss regelmäßig mehrere Gemälde, die nicht älter als drei Jahre sein durften.

Auf den Generalversammlungen wurden sie unter den Mitgliedern verlost, die keine Beiträge zahlten, sondern Aktien im Wert von je fünf Talern zeichneten, deren Anzahl ihren Stimmen bei den Verlosungen der Gemälde entsprach. Alle angekauften Gemälde wurden als Jahresgaben für die Mitglieder in Kupferstichen reproduziert und in der "Bilder-Chronik des Sächsischen Kunstvereins Dresden" veröffentlicht.

Der Star der Bilderchronik heißt Ludwig Richter

Es war kurz nach 1989, als der Frankfurter Kunsthändler H. W. Fichter in Dresden einen Sammler kennenlernte, der ihm das vermutlich letzte Original jener Bilderchronik, das auf dem freien Markt noch zu haben war, überließ - komplett mit den mehr als hundertsiebzig Kupferstichen, die während der kurzen Blütezeit des Vereins entstanden waren. Jetzt hat Fichter eine vollständige Reproduktion jener Bildchronik herausgegeben und bietet gleichzeitig viele der dort abgebildeten, von ihm seit Jahren gesammelten Kupferstiche als Einzelblätter an.

In seinen Erinnerungen schrieb Ludwig Richter, "dass diejenigen, welche die Kunstzustände kennen, wie sie in Deutschland bis in die zwanziger Jahre fast durchgängig waren, genöthigt sein werden, ein Loblied auf die Vereine anzustimmen. Sie haben in weiten Kreisen ein Publikum herangebildet, welches der Kunst, in ihren verschieden Richtungen, lebendigen Antheil und vielfach Verständnis entgegenbringt, während ein solches früher gar nicht vorhanden war." Ludwig Richter ist in der Bilderchronik so häufig vertreten wie kein anderer Künstler - kein Wunder, denn er war als einziger immer wieder als Maler und Radierer tätig.

Frau Pompee de Schabelski war auch im Verein

Diese Doppelrolle zeigt sich aufs schönste auf seiner dramatischen "Gegend am Monte Serone bei Olevano während eines Gewitters" mit den unheilvoll drohenden Wolken (450 Euro). Sehr viel friedlicher geht es auf dem rührenden Gemälde "Süsse Mutter der Liebe" von Carl Gottlieb Peschel, das Christian Ernst Stoelzel als Kupferstich präsentiert, zu (180 Euro): "Diese Composition hat Ähnlichkeit mit der schönen Gärtnerin von Raffael", schrieb Quandt offensichtlich sehr angetan an Goethe.

Es war eine gebildete Welt, die sich hier traf, und eine noble. Die Mitgliederliste des Sächsischen Kunstvereins Dresden beginnt mit sechs königlichen Sachsen-Hoheiten und bietet danach eine bunte Mischung aus niederem oder hohem Adel sowie zahlreichen arrivierten Bürgern, darunter ein Educationsrat, ein Tapetenfabrikant, ein Leibmedicus, ein Münzgraveur und eine Kunstfreundin mit dem schönen Namen Pompee de Schabelski.

Schon im Biedermeier scheint die bayerische und Tiroler Folklore selbst für Dresdner Kunstfreunde besonders attraktiv gewesen zu sein: Ein sehr vergnügtes junges Paar hat Joseph Petzl einst gemalt und Wilhelm Suter in einem Kupferstich wiedergegeben (180 Euro).

Wohin lief der Hase?

"Ruinen in Abenddämmerung" ist der Titel von Carl Heinrich Beichlings Kupferstich nach Caspar David Friedrichs grandiosem Gemälde (1200 Euro). Gerade dieses Bild lobte der Vorsitzende des Sächsischen Kunstvereins in seinem Jahresbericht: "Besonders aber zeichneten sich, als sinnvolle Bilder, die des Prof. Friedrich aus, und ganz vorzüglich das, in welchem auf eine rührende Weise die Stille des Abends in einem bescheidenen Tageslichte und der über hohe Fichten und eine Ruine sich verbreitenden Dämmerung ausgedrückt war." "Wohin ist der Hase gelaufen?", fragen sich zwei ratlose Jäger auf einem Gemälde von Louis Ferdinand von Raiski, das Karl Faber in einen Kupferstich umgesetzt hat (150 Euro).

Von Raiski, der später Ruhm als Porträtist erlangte, stammt auch ein kleines Gemälde von zwei müden Gestalten unter einem Baum mit dem treffenden Titel "Keine Lust zu arbeiten" (200 Euro); wer ein Auge dafür hat, kann in dieser Chronik auch zahllose Allegorien finden, die wie gemacht scheinen, um die Zustände unserer heutigen Zeit zu beschreiben.

"Die Bilderchronik des Sächsischen Kunstvereins Dresden 1828-1836", als Reproduktion herausgegeben vom Kunsthandel Fichter, Frankfurt, bearbeitet von Bärbel Kovalevski, 424 Seiten, mit 175 ausführlich erläuterten Abbildungen, zum Teil auf Doppelblättern, Kurzbiographien der Künstler, der Mitgliederliste und weiteren Dokumenten des Vereins kostet 69 Euro.

Text: F.A.S.

Bildmaterial: H. W. Fichter