Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.03.2006

Frühlingserwachen

Die erste Fine Art Fair Frankfurt hat es geschafft: Sie ist die schönste Messe im ganzen Land, jetzt muß sie nur noch bis hinter die sieben Berge verkaufen.

Alles hätte furchtbar in die Binsen gehen können. Die Erwartungen waren auf hochmast geflaggt. Vor der Halle 9.0 der Frankfurter Messe wehen seit vier Tagen, links und rechts vom lackroten Japanischen Tor, schwarze Fahnen mit weißen Schnörkeln. Schwarz ist die Farbe, das Material hier ist Kunst. Zur Vernissage reichte man dem hochverehrten Publikum berühmtes stilles Quellwasser aus Frankreich in handlichen Raschen. Schon diese Entscheidung war kühl; von lauwarmem Bier bis halbherzigem Schaumwein ist sonst bei Vernissagen alles drin. Klare Köpfe also unter dem fast schattenlosen Licht der kostspieligen Deckenstrahler, die keine kleinste Ecke auf 15 000 Quadratmetern unausgeleuchtet lassen. Statt Kojen stehen da Module der Architekten Kühn/ Malvezzi, die eine Struktur eingezogen haben wie ein Rückgrat. Hier herrscht kein laissez-faire, es ist kein Ort, an dem alles geht.

Dennoch könnte man es liebevoll nennen, wie diese Messe gestaltet ist. Mit Leidenschaft zur Genauigkeit sind die Einheiten - oder wie sind one-artist-shows auf gut deutsch zu nennen? - ins Verhältnis zu¬einander gesetzt. So hätte die unmittelbare Nachbarschaft zu "Baloni", einem zwei Meter hohen, dreißig Quadratmeter Fläche okkupierenden Getüm der Künstlergruppe Gelitin (vormals Gelatin) einem zarteren Nachbarn einige Luft nehmen können. Deshalb wurde noch kurz vor der Eröffnung umgeräumt, und die kapriziöse Materialcollage-Wand von Julie Verhoeven bei Vera Gliem aus Köln kann jetzt frei atmen.

Das Bekenntnis zu dieser Premiere haben sich manche Teilnehmer einiges kosten lassen. Eins dieser massiven Statements geben Contemporary Fine Arts ab: Die einflußreiche Galerie aus Berlin hat eine rosa Burg samt Innenleben von Jonathan Meese und Tal R. über ihr Geviert von Modulen aufgebaut. Das Opus der spielwütigen Künstler macht den Verkauf im Ganzen schwierig (495 000 Euro); Einzelverkäufe daraus brachte aber schon der

Eröffnungsabend. Auch die Galerie Gebrüder Lehmann aus Dresden geht auf Risiko: Hier füllt Tatjana Dolls "Doll from bigger to smaller"-Installation eine Breitwand, die den bemalten hölzernen Babuschka-Figuren aus Rußland ein Denkmal setzt, samt der Spuren von Abnutzung, die das alte Spiel vom Ineinander-und Auseinandersetzen der Püppchen hinterläßt (78 000 Euro). Sies + Höke sind mit einem riesigen Spiegelobjekt des begnadeten Verwirrers Kris Martin angereist; "The End" liest der Betrachter darauf, als bissigen Kommentar seiner selbst. Einem umwerfenden Witz begegnet er vor Eva Marisaldis Guckkastenbühne, wo ein kleiner animalischer Roboter sich schlängelt wie eine Stripperin (bei Zink), und Sinnbilder für die Zerbrechlichkeit aller Ordnung schlechthin sind die Draht-Möbelskulpturen von Fritz Panzer (bei Krobath-Wimmer; um 35 000 Euro).

Die Vernissage sah 6000 Besucher - unter ihnen durchaus Kauffreudige, wie manche Galerien bereits bestätigten. Das Damoklesschwert der angeblichen Kaufabstinenz scheint also doch nicht auf ewig über Frankfurt schweben zu müssen. Entsprechend dem Qualitätsplateau der Messe ist bei der Klientel mit Kenntnisreichtum zu rechnen. Die modulare Architektur steigert das Vergnügen nur. Wo die kühne Malerei von Bernard Frize bei der Wiener Galerie nächst St. Stephan mit den neuen Farb-Raum-Träumen von Imi Knoebel (32 000 und 82 000 Euro) bei Sabine Knust

aus München flirtet: Da wird die Wand wieder zum Ort, ist nicht länger geschonte Fläche. Große Klasse hat, nur ein weiteres Beispiel, am anderen Ende der Arena die Nähe der Galerien Kicken und Fichter: Der junge Fotograf Götz Diergarten trifft auf die zarten Linien, die Ludwig Deurer vor mehr als hundertfünfzig Jahren zeichnete; selbst die freundlichen Preise stören nicht diese Begegnung. Hier liegt das wahre Potential der Messe: Spitzengaleristen, fernab der Moden und des Gegenwartswahns, könnten sich in Frankfurt ergänzen, Zusammenhänge könnten da klarwerden und so wirkliches Bewußtsein für das Sammeln hervorbringen.

Es ist für die ganz großen Messen ein Ehrentitel, "Museen auf Zeit" zu heißen. Das Attribut gilt wohl überhaupt nur für die European Fine Art Fair in Maastricht, die an diesem Wochenende ihren Ausklang hat (F.A.Z. vom 11. März), und, auf dem Feld von Klassischer Moderne bis zur Gegenwart, für die Art Basel - schon keineswegs mehr für die Art Basel Miami Beach oder für die Frieze Fair in London. Die anderen wichtigen Messen überall -von den New Yorker Armory Shows bis zur fortgesetzt unabdingbaren Art Colo-gne, von der Pariser Fiac bis zur Madrider Arco - sind so eindeutige wie unverzichtbare Leistungsschauen im Dienste dessen, was die ureigenste Bestimmung einer jeden Messe ist: nämlich zu verkaufen. Dagegen mit einem herkömmlichen Konzept anzutreten, im direkten Anschluß an die gescheiterte Art Frankfurt, wäre ein Kamikaze-Unternehmen gewesen. Zumal sich gerade 150 Kilometer weiter südlich die Art Karlsruhe positioniert hat, bei ihrer dritten Ausgabe nicht ungeschickt und teils gut bestückt darin, eine - im besten Sinne mittelständische und daher eher konservative - Klientel zwischen Köln und Basel zu bedienen, inklusive der selbstgestellten Aufgabe, neue Käufer an die Kunst heranzuführen.

Beides ist die Sache der neuen Frankfurter Schau nicht. Die erste Fine Art Fair Frankfurt hat in diesem komplexen Feld das einzig Sinnvolle getan: Sie ist wie keine andere Messe, und wenn es nicht ein bißchen größenwahnsinnig klänge, dürfte man tatsächlich sagen - weltweit. Sie ist ein Parcours, der das, gewissermaßen von Natur aus, Unvereinbare zusammenbringt. Eine Messe riskiert es, sich als eine Kunstschau vorzustellen. Das offene System, das so entsteht und das ständig Dialoge mit den anderen herausfordert, eigentlich sogar polylogisch funktioniert, muß für die beteiligten Galeristen eine Herausforderung sein. Indessen ist Augenhöhe noch immer die aufregendste Angelegenheit, auch und besonders in der Kunst. Und auch sonst ist alles da: Von der Buchhandlung Walter König bis zum Magazin "Monopol"; Florian Illies ist mit einem Schokoladenbrunnen angereist. In der Stadt läuft derweil "Transit", ein von Juliane von Herz kuratiertes Performance-Programm, das Frankfurt sehr gut aussehen läßt.

Doch ewig raunen die Binsen. Ihre Weisheit heißt: Eine Messe ist eine Messe ist eine Messe. Und eine Messe hat ihre Gesetze. Michael Neff, der Direktor der Messe, kann und will diese eine Sache gar nicht verschleiern: Es wird sich schon gelohnt haben müssen, für alle. Die Fine Art Fair Frankfurt hat jedenfalls neue Zeichen gesetzt. "High & Low", das Motto ihrer Premiere, hat mehr als eine Dimension: Wer die Verzeichnisse durchzählt, kommt auf gerade mal sechzig Künstler, angesichts von knapp fünfzig teilnehmenden Galerien. Niedrig ist die Anzahl, ganz hoch das Niveau. Die unbeirrbare Taktik von Michael Neff ist aufgegangen, nicht um den

Preis von Kompromissen an den ursprünglich avisierten 75 Galerien festzuhalten. Nächstes Jahr dann. Die Zeichen stehen auf Ästhetik, auf low key und high end. Der Erfolg in der Kategorie Kommerz wird dem Konzept rechtzugeben haben.

ROSE-MARIA GROPP

FAZ