Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.01.2007

Sehnsucht nach Idylle

Romantische Landschaften von einst und von heute in der Galerie Neff und der Kunsthandlung H. W. Fichter

Eine reizvolle Idee. Schließlich ist schon seit ein paar Jahren von einer "neuen Romantik" in der zeitgenössischen Kunst die Rede, werden "Wunschwelten" in den Ausstellungshimmel gemalt und mit dem Appell an mitunter eher trivial-romantische Motive die Sehnsucht nach dem Paradies, nach der Idylle beschworen. Was also läge näher, als einmal genauer hinzusehen und derlei romantische Tendenzen der Gegenwartskunst mit den Künstlern der Romantik in Beziehung zu setzen? Wenn nun die Frankfurter Galerie Neff (Hanauer Landstraße 52) und die Kunsthandlung H.W. Fichter (Arndtstraße 49) 15 Künstler des 19. Jahrhunderts von der Dresdner über die Heidelberger bis zur Münchener Schule mit aktuellen Positionen etwa Henning Bohls, Eberhard Havekosts oder Oliver Voss' konfrontiert, dann ist das zwar nicht immer zwingend. Eint doch manche der zu Paaren und Gruppen gehängten Papierarbeiten - Amelie von Wulffens Foto-Übermalung "Ohne Titel" etwa und Otto Wagners 1830 entstandene Bleistiftzeichnung "Die Liebe zum Konkreten" - wenig mehr als ihr Motiv. Spannend, lehrreich und überraschend ist die Inszenierung gleichwohl.

Denn "Auch das Unnatürlichste ist die Natur", so der von Goethe geborgte Titel der Gemeinschaftsausstellung, will von den ausgemachten "zeitgenössischen romantischen Tendenzen" nicht gleich auf die Rückkehr der Romantik selber kurzschließen. Und so gerät alles ganz zwanglos. Eher schon schärft die Schau den Blick: für die verschiedenen Strömungen der Kunst der Romantik ebenso wie für verbreitete Motive, Themen, Strategien, auf die junge Künstler schon mal gerne zurückgreifen, ohne gleich mit der blauen Blume im Knopfloch zu kokettieren. Und wenn, dann ist ihr Vorgehen alles andere als naiv, der Blick auf die Romantik stets gebrochen.

Während etwa Adrian Zingg als der älteste der Romantiker mit dem "Erlebnis der Ferne" keine gesehene, sondern eine idealtypische Landschaft vorführt, Ludwig Richter mit seiner um 1830 entstandenen aquarellierten Federzeichnung "Das romantische Ideal" höchstselbst aufs Papier bringt, konstruiert der junge Andrei Koschmieder, der bei Michael Krebber an der Städelschule studiert, seine Landschaften aus romantisch besetzten Motiven wie den Kreidefelsen auf Rügen, kitschverdächtigen asiatischen Naturbildern und nordkoreanischen Mietskasernen. "Kein Grund zur Flucht", so der Titel der Serie, mag man folglich auch als Schilderung einer ideal gedachten Landschaft lesen, vielschichtig wie jene, nur viel komischer.

Andrea Hanak ironisiert das Sublime der romantischen Naturbetrachtung mit der seriellen Anordnung identischer Postkarten - in der Verdichtung freilich, hinter übermaltem, hier und dort freigekratztem Glas, nimmt sich die Collage höchst romantisch aus. Victor Paul Mohns spätromantischem "Schloss Scharfenstein bei Meißen" antworten Yesim Akdeniz Grafs postromantische "Enigmatic Girls 3", die auf Stöckelschuhen durch die Landschaft staksen: Von Mohns Idylle, nach der sie gelangweilt Ausschau halten mögen, haben sie wohl allenfalls gelesen. Markus Draper bereichert das Thema der Ruinenromantik vor Bergeinsamkeit mit einer collagierten "Berliner Hütte", und Henning Bohls reizvolle Filzstiftarbeit tritt in einen nicht ganz einfachen Dialog mit Edmund Steppes' in brauner Tusche gezeichneter "Distel" von 1915. Zu den überzeugendsten Kombinationen findet die Ausstellung immer dort, wo sie Analogien formaler Art offenlegt oder gar einzelne Blätter aus verschiedenen Jahrhunderten eine einmal evozierte Stimmung aufzunehmen und mit je eigenen Mitteln zu variieren scheinen. Das gilt für die Zeichnungen Susann

Gassens ebenso wie für Gabriel Vormsteins "Summer has gone". Nichts als Sonnenlicht, eine UV-Lampe womöglich, hat diese in ihrer Schlichtheit berührende

Zeichnung auf einen Bogen Zeitungspapier gebannt. Und eingerahmt von zu

nächst gleichfalls äußerst reduziert erscheinenden, zart aquarellierten Landschafts

schilderungen Ludwig Deurers, fügen sich die jeweils angeschlagenen Töne in der Zusammenschau zu einem komplexen Klang,den man kaum anders als poetisch nennen kann.

CHRISTOPH SCHÜTTE

FAZ