Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.10.2007

Nach der Sitte der feinen Leute

Statt des Höflichkeitsbesuchs ein Kärtchen, "käufliche Gefühle" eben: Glückwunschkarten des Biedermeier bei der Kunsthandlung Fichter in Frankfurt Von Konstanze Crüwell

Der legendäre Wiener Sammler Dr. Albert Figdor (1843 bis 19127) machte keinen Unterschied zwischen Kunst und Kunstgewerbe - nur Meisterwerke mussten es sein. So sah man in seiner chaotisch überfüllten Wohnung etwa Hieronymus Boschs Gemälde "Der verlorene Sohn", Bronzen von Andrea Riccio, den "Strozzi-Schemel", ein berühmtes Möbelkunstwerk der Renaissance, - und zahlreiche sogenannte Wiener Kunstbilletts.

Eines Tages suchte ihn der Geheime Rat Graf Alois von Paar auf und unterbreitete ihm eine vertrauliche Bitte. Seine Majestät wolle der Burgschauspielerin Katharina Schratt einmal etwas anderes als Schmuck zum Geburtstag schenken. Ob Dr. Figdor da eine Idee habe? Der alte Herr lächelte, holte eine Schachtel und sagte: "Natürlich weiß ich, was der Gnädigen Frau eine Freude machen würde! Wann immer ich die Ehre habe, die Gnädige Frau bei mir zu sehen, möchte sie den Inhalt dieser Schachtel sehen. Sie enthält die schönsten der Wiener Kunstbilletts, also kunstvoll gearbeitete Glückwunschkarten der Biedermeierzeit. Es sind hervorragende Beispiele der größten Meister auf diesem Gebiet darunter. Ich würde es mir als ganz besondere Ehre anrechnen, seiner Majestät die Sammlung zu Füßen legen zu dürfen."

Diese Geschichte, die Christian Nebehay in dem Buch "Die goldenen Sessel meines Vaters - Gustav Nebehay (1881 bis 1935) Antiquar und Kunsthändler in Leipzig, Wien und Berlin" erzählt, endete überraschend: Der Kaiser ließ sich nur von Gleichgestellten beschenken, also musste der steinreiche Dr. Figdor ihm eine Rechnung schicken - und mit dieser unerwarteten Einnahme erwarb er sofort neue Wiener Kunstbilletts.

Noch heute nachzuvollziehen ist Herrn Figdors und Frau Schratts Vergnügen an diesen kleinen Objets d'art, die von der Frankfurter Kunsthandlung H.W. Fichter in einer schönen Auswahl angeboten werden. Ihren Ursprung hatten sie in der um 1850 in Europa bei feinen Leuten entstandenen Sitte, einander Höflichkeitsbesuche abzustatten, zu Neujahr oder zum Geburtstag, und, falls die Herrschaften nicht empfingen, Visitenkarten abzugeben: Daraus entwickelten sich fein gestaltete Besuchs- und vor allem Glückwunschkarten, die als "käufliche Gefühle" bald populär waren - mit Wien als Hauptstadt dieser neuen Mode: Um 1780 wurden im Intelligenzblatt der Wiener Zeitung und anderen Gazetten erstmals die "zierlichen, feinen, poetischen Neujahrswünsche" oder "englisch gepresste Wünsche" in Wedgwood- oder Biskuitmanier annonciert. Mehr als vierzig Verlage existierten dort zwischen 1810 und 1820, die jene hübschen Nutzlosigkeiten fabrizierten. Beliebt waren Karten mit beweglichen Figuren: "Die zierlichen, nickenden, bückenden und salutierenden kleinen Geschöpfe sind glücklich angekommen und haben viel Vergnügen gemacht", so schrieb Goethe einer Wiener Freundin, die ihm 1809 eine solche Karte geschickt hatte.

Die anmutigsten, originellsten und kostbarsten Kunststückchen schuf Joseph Endletsberger (1792 bis 1850), Graveur und Silberarbeiter beim Wiener Hauptmünzamt. Er verkehrte mit Wiener Künstlern wie Ferdinand Waldmüller, was ihn wohl davor bewahrt hat, der Versuchung zur Massenfabrikation nachzugeben. Für seine handgearbeiteten, stets mit "I.E." monogrammierten Einzelstücke nahm er Krepp oder Gaze, Messing, Gold- und Silberfäden, Glimmerstreusand, Spiegel, Schildpatt, Elfenbein, Perlen und Perlmutt, aber auch Stroh und Moos.

Es sind Miniaturreliefs von hohem ästhetischen Reiz und einer Wiener Grazie, die besonders anziehend ist, wenn sie sich mit Humor verbindet. Wie bei Endletsbergers Billett mit dem netten Hund, der über der Zeile "Es eilt mein Both' mit frohem Blick, Bringt was ich wünsche - - " mit "1000 Glück" auf einem Zettel in der Schnauze losrennt. Endletsberger hatte zwar Konkurrenten, vor allem Joseph Riedl, auch anonyme, blieb aber der große Meister. Um 1830 hatte sich die "Glückwunscherei" jedoch so vermehrt, dass sie zur Plage wurde und von den Behörden eingeschränkt wurde.

Die Endletsberger-Billetts kosten bei Fichter zwischen 2800 und 3000 Euro, ein Freundschaftsbild von Riedl 2200 Euro, andere Karten zwischen 500 und 2200 Euro.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.10.2007, Nr. 43 / Seite 71