Badische Neueste Nachrichten vom 17.12.2008

Lange privat gehüteter Bilderschatz -

Zeitlich begrenztes "Hans-Thoma-Museum" im Frankfurter Kunsthandel

Von Christian Huther

Hans Thoma, Weggefährte der Realisten um Wilhelm Leibl, prägte zwar die deutsche Kunst um 1900 wesentlich mit. Aber später rückte er, als bloßer Heimat- oder Idyllenmaler eingeschätzt, in die zweite Reihe. Das liegt daran, dass er sich auf Porträts oder stille, ländliche Szenen konzentrierte und seinen Bildern jede Doppeldeutigkeit fehlt, im Gegensatz zu den Werken seines Zeitgenossen Arnold Böcklin. 1839 im Schwarzwald geboren, studierte Thoma in Karlsruhe, lebte später in Düsseldorf, München und ab 1873 zeitweise in Frankfurt, wo er sich 1877 fest niederließ. 1899, kurz nachdem er ein Haus im Taunusstädtchen Kronberg erworben hatte, wurde er nach Karlsruhe berufen, als Direktor der Kunsthalle und als Professor der Kunstakademie. Heute ist sein Werk gut in der Karlsruher Kunsthalle und im Frankfurter Städel vertreten. Auch das Vortaunusmuseum in Oberursel hat eine Hans-Thoma-Gedenkstätte mit Skizzen, Grafiken, Keramiken und einigen Ölbildern des Künstlers, da er während seiner Frankfurter Jahre die Sommermonate in Oberursel verbrachte und dort seine berühmten Taunuslandschaften malte. Nicht zu vergessen das 1949 gegründete Thoma-Museum in seinem Heimatort Bernau. Folglich herrscht kein Mangel an Thoma-Bildern, längst überfällig ist aber eine Neubewertung seines Werkes. Nun ist sie möglich, dank eines kaum bekannten Konvolutes, das beim Frankfurter Kunsthändler H. W. Fichter zu sehen ist. Es handelt sich um einen vom Künstler und den Nachfahren gehüteten privaten Schatz, der eine lange Odyssee hinter sich hat. Thoma mochte diese Bilder nicht missen und umgab sich mit ihnen in den heimischen Räumen. Nach seinem Tod 1924 von der Adoptivtochter Ella aufbewahrt, wurden sie 1944, ähnlich wie 560 andere private Berliner Sammlungen, an vermeintlich sicheren Orten gen Osten ausgelagert. Von den vier Kisten mit Thomas Zeichnungen und Gemälden kam 1953 ein Großteil als "Freundschaftsgeschenk des polnischen Volkes an das deutsche Volk" zurück, allerdings in die Ost-Berliner Nationalgalerie. Weitere 40 Jahre dauerte es, bis das Konvolut an die Erben restituiert wurde. Nun dokumentieren die 43 Gemälde und Zeichnungen das Lebenswerk des Künstlers, von der frühen Studentenzeit 1860 bis zu den letzten Schaffensjahren um 1919 - ein kleines Thoma-Museum für kurze Zeit, bevor die Werke in alle Welt verstreut werden. Die Preise sind erstaunlich kommod, sowohl für die Zeichnungen (2 000 bis 6 000 Euro) wie für die Gemälde (5 500 bis 45 000 Euro). Besonders interessant die Handzeichnungen, die bildmäßig und farblich so durchgearbeitet sind, dass sie kaum den Gemälden nachstehen. Begleitet wird die Schau von einem exzellenten Katalog mit detaillierten Bildanalysen, einer Fotodokumentation und einem Überblicksartikel. Im Zentrum vieler Bilder steht die Familie, allen voran Thomas über alles geliebte Frau Cella, die selbst eine begabte Malerin war, seine Schwester Agathe und seine Mutter. Neben Motiven aus antiken Mythen oder der Bibel spielt auch der Tod schon früh eine wichtige Rolle. Im Bild "Frau mit Spiegel und Tod" von 1880 (22 000 Euro) richtet Gevatter Tod der jungen Frau den Spiegel, damit sie seine Fratze sieht. Doch das scheint die Frau nicht zu bekümmern, sie entdeckt im Spiegel nur sich selbst, ähnlich wie der Betrachter. Vermutlich wollte Thoma die bekannten Vanitasbilder mildern oder ironisch verändern, so dass der Knochenmann dem weiblichen Charme erliegt. Von Hans Thomas Können als präzisem Porträtisten kündigt das Bildnis seines Schwiegersohnes (24 000 Euro), den er 1910 als ebenso korrekten wie sensiblen Mann charakterisierte und sich dabei als Vorreiter der Neuen Sachlichkeit erweist. Bei den Landschaften dagegen schwelgte der Künstler in kalten Farben und kühnen Flächenkompositionen, siedelt sich irgendwo zwischen Symbolismus und Jugendstil an, aber immer getreu seiner Devise, "elegant und virtuos" zu malen.