Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.11.2008 Seite 47

Was er einst für sich behielt: Hans Thoma bei Fichter

Von Konstanze Crüwell

"Ein geborener Realist, wollte ich nichts anderes malen, als was ich selber gesehen, ja selber gelebt hatte - wo ich hinschaute, sah ich auch Schönes genug." Das schrieb Hans Thoma in seinen Erinnerungen "Herbst des Lebens". Und immer wieder hat er betont, die Kunst sei eigentlich doch nur ein "frohes Spiel, welches der Künstler zumeist für sich selber zu seiner eigenen Befriedigung ausführt". Dieser Standpunkt mag in der Auswahl jener eigenen Gemälde und Zeichnungen sichtbar werden, mit denen sich Thoma zeit seines Lebens umgab.

Das private Museum des Malers wurde nach seinem Tod von der Adoptivtochter Ella Geißler-Thoma in Berlin gehütet. 1943 erteilte Goebbels dem Stadtbaudirektor und Provinzialkonservator von Berlin, Walther Peschke, den Auftrag, alle in der Stadt befindlichen kulturellen Güter auszulagern. 560 private Kunstsammlungen wurden damals bis 1944 nach Schlesien und Polen gebracht, darunter auch der persönliche Bilderschatz von Hans Thoma. Nach dem Krieg wurden die Auslagerungsorte der Nationalsozialisten von der russischen Armee und später von der polnischen Regierung aufgelöst; beide bemächtigten sich der gefundenen Kunstwerke. Die Odyssee der Thoma-Bilder endete zunächst 1953 als "Freundschaftsgeschenk des polnischen Volkes an das deutsche Volk" in der Ost-Berliner Nationalgalerie; 1993 wurden die Werke schließlich an die Erben restituiert. Nun werden die gut vierzig Gemälde und Zeichnungen mit ihrer schicksalhaften Provenienz von der Frankfurter Kunsthandlung Fichter präsentiert.

Es ist ein Ensemble, das uns Thomas Lebensreise anschaulich macht. Am Anfang steht das Ölbild "Nach der Wanderung" von 1860, das einen Stuhl mit Reisetasche, Mantel, Hut, Schirm und Wanderstock zeigt. Der junge Maler hatte gerade sein Studium in Karlsruhe begonnen und freute sich auf die Ferien im heimatlichen Bernau. Die sanften Schwarzwaldhügel hat er dort 1864 gemalt (die Ölstudie ist bereits reserviert). Auf seiner Italien-Reise beeindruckte ihn 1875 ein "schönes Römerpaar", das er auf einer hinreißenden Federzeichnung schildert (7500 Euro). Zu den Gemälden, von denen er sich nie trennen mochte, gehört "Liebespaar mit Amor und Tod" von 1877, das ihn und seine junge Frau Cella zeigt (verkauft). Und die erschreckend-anziehende Version eines Memento Mori hat er 1880 in "Frau mit Spiegel und Tod" gemalt (22 000 Euro).

Heitere und lebensvolle Familienbilder sind zu sehen: Die kleine Adoptivtochter Ella schaut 1887 aus einem halbrunden, mit Ranken verzierten Bogenfenster heraus (19 000 Euro). Ihren späteren Ehemann, den sehr korrekt wirkenden Dr. Friedrich Blaue, hat der Schwiegervater 1910 porträtiert (24 000 Euro). Cella bleibt aber das Lieblingssujet des Künstlers - besonders reizvoll in einer Zeichnung von 1894 (5500 Euro). (Bis 15. Dezember. Der vorzügliche Katalog kostet 35 Euro.) Konstanze Crüwell