Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 18.07.2004

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Die sehnsüchtigen stillen Schönen

Groß ist der Charme der Romantiker-Zeichnungen: Der Frankfurter Händler Hans-Peter Fichter hat einen Katalog dazu.

Wahre Connaisseure haben die Zeichnungen von Christoph Heinrich Kniep (1755 bis 1825) immer geschätzt, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zum Beispiel oder Johann Wolfgang von Goethe. Ihn begleitete der Künstler im Jahr 1787 auf der Sizilien-Reise. Und der Dichter war vom Talent seines Reisegefährten bald so beeindruckt, daß er sich nach seiner Rückkehr ins heimatliche Weimar nachhaltig für Kniep einsetzte - mit großem Erfolg.

Aber auch heute noch ist diese Zeichenkunst sehr gefragt, wie Hans-Peter Fichter, Inhaber von H.W Fichter Kunsthandel und Edition in Frankfurt, weiß, der in seinem neuen Katalog "Gezeichnete Kunst - Von romantischen Seelenwelten" jetzt ein besonders reizvolles Blatt von Christoph Heinrich Kniep präsentiert: Eine elegische Ideallandschaft ist auf der 1812 in Neapel entstandenen zarten Federzeichnung "Der zweite Himmel" zu sehen, mit drei vor einem Sarkophag stehenden Wanderern und einer die Szene beherrschenden hohen Pinie, die mit ihrer ausladenden Krone auf dem hochrecht¬eckigen Blatt wirklich an eine Art von zweitem Himmel erinnern könnte. Das 47,5 mal 25,1 Zentimeter große Blatt gilt als Rarität im OEuvre von Kniep, der seit 1810 meist in kleineren Formaten zeichnete (22 000 Euro).

Siebzig Werke aus der Zeit von 1774 bis 1933 sind im Katalog zu sehen. Die Frage, welche Chancen die stille Kunst der Zeichnung gegenwärtig beim Publikum habe, beantwortet der als Kunsthistoriker ausgebildete Händler ziemlich lakonisch: "Die Preise gehen ständig in die Höhe, und die Sammler von Zeichnungen werden immer rarer" - und die Qualität der ihm angebotenen Zeichnungen sei besser und besser. "Wir ziehen Material an", äußert Hans-Peter Fichter und führt diese erfreuliche Tatsache darauf zurück, daß er sich immer wieder auch ungewöhnlichen Künstlern widme und "Seitenwege auf hohem Niveau" zeige. So habe man dem renommierten Architekten Jakob Friedrich Peipers (1805 bis 1878), der in Frankfurt zahlreiche Privatbauten schuf und die Bauleitung für die Alte Börse nach den Plänen von Stüler innehatte, lange Zeit nur eher lokale Bedeutung als Maler und Zeichner beigemessen. Im Fichter-Katalog ist er jetzt mit einer seiner Architekturansichten von Pompeji vertreten, dem Haus des "Tragischen Poeten" mit dem berühmten Freskenschmuck, einem 1826/34 entstandenen Aquarell über Bleistift auf Papier, das mit 4200 Euro ausgezeichnet ist.

Als hervorragenden Zeichner, der gleichfalls lange als Lokalmatador gegolten und mit erheblicher Verspätung Karriere gemacht habe, in der Sammlung Schäfer aber schon länger präsent sei, nennt Fichter den aus Württemberg stammenden Bernhard Buttersack (1858 bis 1926). Im Jahr 1880, noch in der Stuttgarter Studienzeit des Künstlers, ist "Der freie Blick" auf eine zerklüftete Felsgegend bei Degerloch entstanden (Bleistift und Weißhöhung auf Papier, 1400 Euro).

Seit zehn Jahre wachse allmählich eine Sammlergemeinde für Albert Berg (1825 bis 1884), hat Hans-Peter Fichter beobachtet. Der als Jurist ausgebildete Künstler war von einer geradezu unbändigen Reiselust besessen, fuhr auf den Spuren Alexander von Humboldts nach Südamerika und publizierte seine Studien unter dem Titel "Physiognomie der tropischen Vegetation Süd-Americas". Als Expeditionszeichner von Friedrich Wilhelm IV. unternahm er später unter preußischer Schirmherrschaft Reisen nach Ostasien. Näherliegende Ziele sind auf Albert Bergs Zeichnungen bei Fichter zu sehen: Ein in Rom 1854 entstandenes Blatt "Auf antiken Fundamenten" kostet 4400 Euro, die hübsche Bleistiftzeichnung auf blauem Papier "Der Glanz der Akropolis" aus dem Jahr 1874 wäre für 2100 Euro zu haben.

Friedrich Preller d.J. (1838 bis 1901) gehört ebenfalls in die Kategorie verspäteter Popularität: Das neu erwachte Sammlerinteresse für den Dresdner Künstler führt Fichter darauf zurück, daß der Osten Deutschlands seit der Wiedervereinigung zum beliebten neuen Reiseziel wurde - und in der Folge hätten die Landschaftszeichnungen von Preller an Anziehungskraft gewonnen. Im Katalog ist die Bleistiftzeichnung "Im Giardino Colonna di Roma" zu sehen (4900 Euro). Eine seltene Kombination von fabelhaften Erfolgen konnte Edward Theodore Compton (1848 bis 1921) schon zu seinen Lebzeiten verbuchen: Hochberühmt und sehr begehrt war er als stimmungsvoller Maler und Zeichner der Bergwelt und zugleich als außerordentlich wagemutiger Bergsteiger, der zahlreiche Gipfel als erster erklomm. Die von ihm so geliebte alpine Welt hat er mit so romantisch-verklärten und zugleich realistischen Augen dargestellt daß ihn das breite Publikum bald ebenso schätzte wie seine Bergsteigerkollegen. Comptons atmosphärisch dichtes Aquarell mit dem Titel "Berglandschaft" , grau über Bleisitift, zeigt eine bewaldete Gebirgslandschaft mit Blick auf die Hochgimpelspitze in der Tannheimer Bergkette im Allgäu (2100 Euro).

Deutsche Zeichnungen seien im Ausland begehrter als hierzulande, sagt Fichter, der seinen Kunsthandel seit fünfunddreißig Jahren führt und die National Gallery Washington oder das Fogg Art Museum in Boston zu seinen Kunden zählt. In Deutschland tauchten als Kunden erfreulicherweise die "mittelständischen Museen" jetzt wieder aus der Versenkung auf, sagt er. Pessimistisch ist er nach wie vor nicht: "Es macht Freude, gute Zeichnungen zu finden, weiterzugeben und davon zu leben."

KONSTANZE CRÜWELL

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