Fanrkfurter Allgemeine Zeitung 10.03.2007

Neuer Blick auf lapidare Landschaft

Michael Mohr in der Frankfurter Kunsthandlung H. W. Fichter

Eigentlich, hat Michael Mohr vor Jahren einmal gesagt, sei er stets vor allem Landschaftsmaler. Und in der Tat mochte man selbst seine weitgehend abstrakten -vom Künstler freilich stets als gegenständlich bezeichneten, indes im Grunde jenseits von derlei Kategorien sich behauptenden - Arbeiten in großem Format, mochte man seine mal fest und massiv, dann wieder transparent und leicht wirkenden Farbkörper und -formen, die in unruhige Farbräume einzudringen scheinen und sich dort schwebend behaupten, nach vorne treten oder auch bedrängt werden, wenigstens als dem Farb- und Formenreichtum der Natur entlehnt ansehen.

Innere, in der Formulierung Mohrs "mitgenommene" und mimetisch nach der Natur gefundene Bilder gehören von jeher zu dem Fundus, aus dem der im Jahr 1964 in Fulda geborene Städelabsol-vent für seine malerischen Bildwelten schöpft. Und doch sind die aktuellen Zeichnungen und Bilder, die derzeit in der Frankfurter Kunsthandlung H.W. Fichter (Arndtstraße 49) zu sehen sind, gleich in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung.

Nicht nur, dass die Malerei von Michael Mohr nunmehr entschieden und unübersehbar gegenständlich daherkommt; dass die seriell mit Spachtel und Pinsel in Öl auf Pappe ausgeführten Arbeiten eindeutig als Landschaften zu identifizieren sind: Der Blick, wenigstens die Perspektive des Malers, hat sich offensichtlich gewandelt. Das zeigt sich im Vergleich mit den ersten, vor gut einem Jahr entstandenen Kompositionen der Werkgruppe ebenso wie angesichts der zahlreichen, schlicht bezaubernden Kohlezeichnungen in kleinem Format.

Wie der Großteil der neuen Bilder unmittelbar vor der Natur entstanden, begegnet dem Betrachter in den mit leichter Hand aufs Papier geworfenen Landschaften wie ehedem immer wieder der fokus-sierende, tendenziell abstrahierende und das Detail ins Zentrum rückende Blick, wie man ihn von früheren Gemälden kennt. Für die aktuellen, durchweg unbetitelten Bilder aber geht der Maler buchstäblich einen Schritt zurück. Die Ausschnitte sind deutlich weiter gewählt, und in den stets horizontal gegliederten Arbeiten in meist erdigen, farbsatten Tönen gibt sich die Natur als immer schon gestaltete Kulturlandschaft zu erkennen.

Im Wechsel der Jahreszeiten wachsen kahle Äcker, leuchtende Wiesen und erntereife Felder, leichtere und sieht-, ja spürbar schwere Böden auch und erstrecken sich bis zu einem hier kaum auszumachenden, dort deutlich tieferen Horizont. Stille, weite Sommerhimmel machen Platz für malerische Wolkenfetzen oder vom ersten Herbstwind über sanfte Hügel aufgetürmte Fronten im frühen Abendlicht. Doch trotz der mit Bedacht gewählten, im Grunde aber überwiegend unspektakulären Ausschnitte, den mal flächigen, dann wieder weite Bild- und Farbräume öffnen den Kompositionen aus Schicht um Schicht mit dem Spachtel gezogenen Farbbahnen erscheint alles ganz leicht und spontan.

Freilich: Mag Michael Mohr auch zur unmittelbaren Anschauung zurückgekehrt sein, für den Maler selbst stellt die größere Nähe zum Gegenständlichen vermutlich kaum mehr dar als eine durchaus gleichberechtigte Möglichkeit der Formulierung seines eigentlichen Themas. Wie eh und je aber in den Arbeiten des Frankfurter Künstlers gilt seine Aufmerksamkeit neben den Erscheinungsformen der Natur der Farbe. Und der Umgang mit der Farbe ist es auch, der jede noch so lapidar anmutende Wahrnehmung zivilisierter Landschaftsräume zu kleinen, ganz und gar malerischen Sensationen macht.

CHRISTOPH SCHÜTTE