Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 05.06.2005
Die Linie als Bastion der Wahrheit
Kleine Fluchten für zwischendurch: Parallel zur Ausstellung in der Frankfurter Schirn zeigt die Kunsthandlung H.W. Fichter Zeichnungen und Graphik der Nazarener.
Gleichzeitig zur Nazarener-Schau in der Frankfurter Schirn zeigt der ebenfalls in Frankfurt ansässige Kunsthandel H. W. Fichter nazare-nische Zeichnungen und Druckgraphik. Damit gerät die Ausstellung mitten hinein in die derzeit über die Lukasbrüder hereinbrechende Kritik, die unaufhörlich deren Affinität zu aktuellen kulturellen Phänomenen beschwört und sie in einem Atemzug mit Xavier Naidoo und gewissen zeitgenössischen Malern von der traurigen Gestalt nennt. Dabei verstellt die forcierte Aktualisierung den Blick auf die eigentlichen Qualitäten einer Kunst, die eben nicht zu Beginn des dritten Jahrtausends, sondern Anfang des 19. Jahrhunderts entstand: Während Goethe in der Kunst der Alten die ideale Form fand, suchten die jungen Maler um Friedrich Overbeck wie Novalis das Weltall in sich selbst.
Nicht antike Statuen endlos kopieren wollten sie, sondern die Anschauung der Natur zum Ausgangspunkt nehmen, um ihre weit über diese hinausgehende Idee von absoluter Schönheit und Reinheit ins Bild zu bannen. Und die heute oft empfundene "Blutleere" ihrer Bilder - die glatte Oberfläche und die stille Anmut der Figuren - entspricht ebendiesem inhaltlichen Anspruch und dient der präzisen Darstellung der Idee des Künstlers.
Dieser Intention kam das Medium der Zeichnung aufgrund der ihr eigenen Reduktion besonders entgegen, und deshalb war sie für die Nazarener eine mit dem Gemälde gleichberechtigte, wenn nicht gar diesem übergeordnete Ausdrucksform. Eine Federzeichnung über Bleistift von Julius Schnorr von Carolsfeld für 15 000 Euro, die "Jesus und die Sünderin" zeigt, kann einen Eindruck davon vermitteln, wie die Nazarener ihrer "Idee" mit klaren Konturen unmittelbar Gestalt verliehen. Akkurate, gemessene Schraffuren erzeugen nur so viel Plastizität, daß die abstrakte Vorstellung transzedentaler Schönheit nicht verfälscht wird, dem Betrachter aber durch ein gewisses Maß an Naturalismus die Einfühlung erleichtert wird.
Klarheit und Eindringlichkeit war auch das Ziel, das Schnorr in seiner mit 240 Holzschnitten versehenen, zwischen 1852 und 1860 erstmals veröffentlichten Bibelausgabe verfolgte, für die schon ab 1818 Zeichnungen zur Umsetzung im Druck entstanden und in deren Zusammenhang auch das beschriebene Blatt zu sehen ist, das zudem eine beachtliche Provenienz vorzuweisen hat: Es gehörte einst zur Sammlung Prinz Johann Georgs (1869 bis 1938), dem Bruder des letzten Königs von Sachsen.
1817 - und damit ein Jahr vor Schnorr von Carolsfeld - stieß Gustav Heinrich Naeke in Rom zum Lukasbund. Wie kein zweiter kultivierte er die "Linie als letzte und ureigenste Bastion der Wahrheit und somit als kaum zu übertreffendes Ausdrucksmittel nazarenischen Gedankentums" - so heißt es in Fichters Katalog, und so beweist es eine von Naekes Architekturstudien, die ebenfalls aus dem Besitz der sächsischen Königsfamilie, diesmal aus der Sammlung Friedrich
Augusts II., stammen und für je 900 Euro zu haben sind: Im linken oberen Teil des Blatts erscheint auf ansonsten leerem Papier das Fragment eines Turms im Stil des Quatrocento. Mit minutiöser Genauigkeit hat Naeke den spitzen Bleistift geführt, und dennoch vermittelt die Zeichnung nichts als Leichtigkeit und Freude bei der Ausführung jeden Details.
In seinen 1909 erschienenen Memoiren erinnert sich Ludwig Richter an sein Zeichnen während der nazarenische Phase: Der Bleistift habe nicht spitz genug sein können, und er und seine Mitstreiter "verliebten sich in jeden Grashalm". Diese Liebe zum Detail findet auch ihren Niederschlag in einer Radierung des Münchner Stechers Heinrich Merz nach einer 1810 entstandenen und verschollenen Zeichnung von Franz Pforr, dem zweiten Gründervater des Lukasbunds neben Friedrich Overbeck und zugleich dessen Gegenpol.
Während Overbeck seine Kunst der Religion widmete, finden sich in Pforrs OEuvre verstärkt historische Themen, die eine idealisierte Version des Mittelalters evozieren. "Die drei weiblichen Tugenden: Reinheit, Frömmigkeit und Treue" (1100 Euro) sind ein Beispiel dafür: In einem hortus conclusus vor mittelalterlicher Burgkulisse tummeln sich neben Rehen vor allem drei weibliche Gestalten in altdeutscher Tracht und mit zartem Antlitz. Im Hintergrund nähern sich zwei Reiter, dem vorderen hat Pforr die eigenen Züge verliehen. Messerscharfe Umrißlinien ohne jegliche Schraffuren zur Erzeugung von Lichteffekten oder Räumlichkeit bringen die Szene aufs Papier und verleihen ihr die feierliche Flächigkeit mittelalterlicher Buchmalerei. Mit dieser teilt das Blatt auch die ornamentale Rahmung innerhalb der Umrisse einer Arkade, durch die der Betrachter in den Garten blickt.
Wer sich nun also eine dieser Tage wieder erlaubte Realitätsflucht gönnen möchte, sollte sich beeilen; denn schon sind einige Exponate der kleinen Ausstellung verkauft, die Hälfte davon an amerikanische Museen.
Kristina Deutsch