Frankfurter Neue Presse 05.07.2005

Überirdische Anmut und Frömmigkeit

Zeichnungen und Grafiken der Nazarener zeigt noch bis 31. Juli die Frankfurter Kunsthandlung Fichter.

Die Kunst der in Rom von 1810 an tätigen romantischen Nazarener ist derzeit an zwei Orten in Frankfurt zu sehen: Währen die Schirn eine Neubewertung versucht und den Akzent auf die Malerei legt, zeigt die Kunsthandlung Fichter knapp 40 verkäufliche Zeichnungen und zwölf Druckgrafiken zu Preisen von 500 bis 15000 Euro. Bei Fichter vertreten sind viele Mitglieder des engsten Kreises wie Cornelius, Overbeck, Pforr, Schadow, Schnorr von Carolsfeld, Vogel und Wintergerst, aber auch später hinzugekommene Künstler wie Eduard von Steinle oder ein nur kurzer Gast wie Ludwig Emil Grimm, der jüngere Bruder der Märchensammler und Sprachwissenschaftler.

Fichter dokumentiert unter anderem die von den Nazarenern geschätzte Porträtzeichnung, etwa an dem ungewöhnlich weich umrissenen Kopf einer Heiligen von Johann Evangelist Scheffer von Leonhartshoff (6500 Euro). Diese Bleistiftzeichnung weist zwar nicht die typisch prägnante Kontur auf, wie sie Joseph von Führich oder Friedrich Overbeck vertraten, verknüpft aber das weibliche Porträt mit dem Marienbild. Anmut und Frömmigkeit verband der lange kranke Scheffer zu einer überirdisch schönen Erscheinung.

Ein wichtiges Anliegen der Nazarener war auch die Wandmalerei, sichtbar etwa an Eduard von Steinles "Kopf eines Schergen" für die biblische Geschichte von der Enthauptung Johannes des Täufers (1700 Euro). Mit wenigen Unrisslinien gelang Steinle ein charaktervoller Profilkopf, der durch angedeuteten Helm und Rüstung einen martialischen Ausdruck erhielt. Das Blatt diente zur Vorbereitung eines Wandbildzyklus in der Kapelle von Schloss Rheineck 1839/40. Mit einem oft gewählten biblischen Motiv, der Rückkehr des verlorenen Sohnes, wird Friedrich Overbeck gewürdigt, das Oberhaupt der Nazarener (4200 Euro). Ins Auge fallen Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfelds sechs Federzeichnungen zur Wiener Goethe-Ausgabe, die wunderbare Illustrationen über Faust und Mephisto, über den verzweifelten Werther oder über Hermann und Dorothea enthalten. Auch Julius Schnorr von Carolsfeld, der jüngere Bruder Ludwig Ferdinands, wollte in eindringlichen Bildern die Botschaften der Bibel dem einfachen Volk näher bringen. Diese erst spät realisierte Idee einer Bilderbibel kann bei Fichter leider nur an einem Blatt studiert werden. "Jesus und die Sünderin", das teuerste Werk der Schau (15000 Euro), zeigt in lebendigem Hell-Dunkel-Kontrast den segnenden Jesus und die kniende Sünderin.

Christian Huther