Frankfurter Neue Presse 27.08.2004
Zeichnungen und Aquarelle von Werner Tübke
zeigt bis 31. Oktober die Frankfurter Kunsthandlung Fichter.
Er bewegte sich zwischen allen Epochen und Stilen seit dem Spätmittelalter. Den vor wenigen Monaten im Alter von 73 Jahren gestorbenen Leipziger Künstler trieb eine manieristische Fantasie um. Berühmt wurde er mit seinem 123 Meter langen und 14 Meter hohen Panoramabild über den Bauernkrieg, das er 1989, nach 13-jähriger Arbeit, im thüringischen Bad Frankenhausen vollendete. Im Grunde seines Herzens aber war Werner Tübke ein virtuoser Zeichner, wie jetzt die Frankfurter Kunsthandlung H. W. Fichter an einer kleinen, aber exquisiten Auswahl von 40 mit Bleistift, Rötel, Feder oder Aquarellfarben gezeichneten Blättern aus einem halben Jahrhundert zeigt. Die Auswahl für diese Schau hat Tübke noch selbst vorgenommen.
Der Künstler hat zwar ein umfangreiches Werk von 5000 Zeichnungen und 500 Aquarellen hinterlassen, das er aber nur selten zeigte und noch weniger gern aus den Händen gab. Dennoch sind die Preise für die Zeichnungen sehr moderat (2500 bis 6500 Euro), auch für die raren Aquarelle der 80er und 90-er Jahre (10000 bis 12000 Euro), die auf Reisen entstanden und oft als Vorlagen für Bilder dienten. Wer jetzt kauft, muss allerdings bald sein Blatt wieder entbehren, wandert die Schau doch im Frühjahr ins Essener Folkwang-Museum.
Die Ausstellung macht eines deutlich: Es gibt kaum ein Motiv, das Tübke nicht vereinnahmt und verwandelt hat. Auch wenn er sich gerne aus dem Formenvorrat von der Spätgotik bis zur Renaissance bediente, waren seine Werke mehr als nur altmeisterliche Fingerübungen. Und zuallererst war Tübke ein Figurenmaler und Porträtist. Mit weichem Bleistift umschrieb er 1972 die zarten Gesichtszüge des in sich gekehrten "Florentiner Jungen". Sein bereits 1959 entstandenes Selbstporträt indes offenbart eine eigenwillige Vorstellung vom Ich, mit überlangem Schädel, großen Augen und skeptisch fixierendem Blick. Wiederum ganz klassisch sind die mit dem Rötel skizzierten "Drei männlichen Akte" von 1973, die wohl als Studien für Ausdruck, Bewegung und Körper dienten. Doch der Künstler interessierte sich immer auch für die Landschaft, wie die früheste Bleistiftzeichnung von 1953 mit einem zart eingefangenen, detaillierten Ostsee-Motiv erweist. Erstaunlich abstrakt und modern nimmt sich dagegen die mit wenigen Strichen hingeworfene Ostsee-Skizze von 1968 aus. Tübke legte hier weniger Wert auf eine realistische Wiedergabe, rückte dafür einen imaginären, fast surreal-fantastischen Effekt in den Vordergrund. Die Aquarelle schließlich leben meist ganz aus der Komposition von Farbschichten und Tiefendimensionen. Das Blatt "Abend auf Hydra" (1982) beispielsweise zeigt die dunklen Bergzüge Griechenlands eindrucksvoll vor fast transparent wirkenden Lichtschichten.
Christian Huther
FNP