Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. August 2008, Nr. 203, S. 45
Gar zierlich: Zeichnungen aus Goethes Weimar bei Fichter in Frankfurt
Von Konstanze Crüwell
Wieder einmal sollte Goethe recht behalten. "Bertuch, als Zögling Wielands, hatte sich in Kenntnissen und Tätigkeit dergestalt hervorgetan, dass er, als Geheimsekretär des Herzogs schon angestellt, das Allerbeste für die Zukunft erwarten ließ", prophezeite er. Denn dieser Friedrich Justin Bertuch (1747 bis 1822), verdienstvoller Cervantes-Übersetzer und mäßig talentierter Dichter, wurde ein bedeutender Weimarer Verleger, gab ein zwölfbändiges "Bilderbuch für Kinder" heraus, gründete die "Allgemeine Literatur-Zeitung" und das berühmte "Journal des Luxus und der Moden". Und diese Projekte entwickelten sich so glänzend wie alles andere: die kleine Fabrik für Kunstblumen etwa, wo unter der Leitung seiner Frau Caroline auch Christiane Vulpius arbeitete.
"Die Blumen blühen nur figürlich! / Sie wurden unter Bertuchs Dach / von jungen züchtigen Brigitten / (Gleich rein an Fingern und an Sitten) / An einem langen Arbeitstisch / Aus Leinewand und altem Plüsch / Und dünnem Taffent ausgeschnitten", mokierte sich Wieland. War Bertuch aber nur eine "merkantilische Seele", wie Schiller spottete, der ihn gleichwohl gern um Kleinkredite bat? Ein eher unmerkantilistisches Unternehmen war jedenfalls die Freie Fürstliche Zeichenschule in Weimar, die Bertuch nicht ohne seinen Goethe 1774 etablierte und die allen offenstand ? auch den Angehörigen.
Hobbykünstler unter sich
Zeichnungen aus dem Nachlass der Familien Bertuch und Froriep sind unter dem Titel "Aus Weimars silbernem Zeitalter" in der Frankfurter Kunsthandlung H.W. Fichter zu sehen: Carl Friedrich Froriep war Bertuchs Schwiegersohn, der 1847 seine wissenschaftliche Karriere als Arzt in Berlin aufgab, um die Geschäfte in Weimar zu übernehmen, wie es später sein Sohn Robert, Mediziner auch er, ebenfalls tat. Die Bleistiftzeichnungen und wenigen Aquarelle schufen die begabten Familienmitglieder meist in jungen Jahren und gingen später andere berufliche Wege. Eine professionelle Karriere verfolgte nur Bertuchs Urenkelin Bertha Froriep (1833 bis 1920), zu deren Lehrern Adolph Menzel gehörte. Das empfindsame Bildnis eines jungen Mädchens, aquarelliert um 1880, oder die anziehende Darstellung ihrer jüngeren Schwester Clara weisen sie als subtile Porträtistin aus (jeweils 1100 Euro). Sie selber wurde mit sechs Monaten vom Vater, Robert Froriep, gezeichnet (700 Euro), der schon als Knabe das "Chirurgische Handbuch" seines Vaters mit illustrierte. Auch Berthas Schwester Alma Froriep (1832 bis 1910), Ehefrau von August Emil Rückert, dem Sohn des Dichters Friedrich Rückert, ist mit sprechenden Porträts präsent: etwa einer streng blickenden Dame von 1852 (900 Euro) oder einer Schönen mit Stocklocken samt Dutt (1100 Euro), einer Frisur à la Winterhalter. Almas "Malerin an der Staffelei" stellt wohl die Schwester Bertha dar im Jahr 1853 (2000 Euro). Das künstlerische Talent soll Caroline Bertuch, geborene Slevoigt (1751 bis 1810), ihren Nachkommen vererbt haben: Auch die ihr zugeschriebenen Zeichnungen sind exemplarisch für den stillen Zauber dieser Kunst, die uns auf eine Zeitreise zurück ins bildungsbürgerliche Weimar des 19. Jahrhunderts schickt.