Daniel Nikolaus Chodowiecki

  • 1726 geboren als Sohn eines Kornhändlers in Danzig. Es folgen erste Unterweisungen im Zeichnen und Miniaturmalen

  • 1741 Beginn einer Handelslehre in Danzig

  • 1743 Umzug nach Berlin und Fortsetzung der Lehre. Es entstehen weitere Zeichnungen und Miniaturen sowie erste Radierversuche

  • 1754 Beginn der selbstständigen Tätigkeit als Miniaturmaler. Enge Kontakte zu den hugenottischen Kreisen in Berlin

  • 1755 Heirat mit Jeanne Barez, Mitglied der französischen Kolonie in Berlin

  • 1757 entsteht die früheste, datierte Radierung. Nebenher weitere Versuche in verschiedenen druckgraphischen Techniken und in der Malerei

  • 1761 Geburt des ersten von fünf Kindern

  • 1764 Mitglied der Königlichen Akademie der Künste in Berlin als Miniaturmaler

  • 1767 erster öffentlicher Erfolg mit dem Bild „Les Adieux de Calas à sa famille“

  • 1768 weite Verbreitung und öffentliche Anerkennung durch die eigenhändige Radierung nach seinem Gemälde „Der Abschied des Jean Calas“

  • 1769 Beginn der jährlichen Illustrationen für den Berliner Genealogischen Kalender

  • 1774 zahlreiche Arbeiten für Johann Caspar Lavaters „Physiognomische Fragmente“

  • 1779 in den „Miscellaneen artistischen Inhalts“ erscheint ein erstes Verzeichnis von Chodowieckis Radierungen

  • 1786 Unter Chodowieckis Mithilfe Organisation der ersten Akademie-Ausstellung in Berlin

  • 1790 Ernennung zum Vizedirektor der Berliner Akademie

  • 1791 Ankauf einer eigenen Druckerpresse

  • 1797 Chodowiecki wird Nachfolger des verstorbenen Akademiedirektors Bernhard Rode

  • 1801 verstorben in Berlin

Chodowiecki1

„Das Publikum wollte, daß ich Radierer sei“

Wie so viele andere Künstler auch, strebte Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726-1801) nach dem heiligen Gral der Kunst seiner Zeit: Der Historienmalerei. Die immer noch gültige Hierarchie der verschiedenen Kunstgattungen stellte die Historie (also z.B. die Darstellung religiöser Themen) an die Spitze, den Bodensatz bildete die Stilllebenmalerei, irgendwo dazwischen fand sich der Rest: Porträt, Landschaft und Genre. Wer was werden will, wird also Historienmaler, wer nichts wird, wird Stilllebenmaler. Chodowiecki selbst hatte keine klassische Ausbildung, vielmehr hat er sich das Meiste selbst beigebracht und erzielte seine ersten Erfolge als Emailbildchen- und Miniaturmaler für Dosen. Doch das genügte ihm nicht und so betrat er die breite öffentliche Bühne mit einem Knall: Sein Gemälde „Der Abschied des Jean Calas“ war der Versuch, zumindest zeitgenössische Historie zu betreiben und tatsächlich wurde das Bild hoch gelobt. Jean Calas war 1762 aufgrund eines Justizfehlers zum Tode verurteilt und erst 1765 postum rehabilitiert worden.

Chodowiecki6
Chodowiecki8

Der Fall erregte seinerzeit nicht nur Voltaire, sondern auch viele Bürger und so scheint neben den malerischen Qualitäten auch ein Hauch Politik zum Ruhm des Kunstwerkes beigetragen zu haben. Doch mit dem Bild begann nicht etwa Chodowieckis Malerkarriere. Vielmehr sorgte seine eigenhändige Umsetzung in die Radierung dafür, dass er weit und breit als hervorragender Graphiker erkannt wurde. Und wie bei Schauspielern, die in der Rolle ihres größten Erfolges stecken bleiben, war Chodowiecki fortan nicht mehr der Maler, sondern der Radierer. Sein Schaden war es nicht: „Ich wollte Maler sein, das Publikum wollte, daß ich Radierer sei. Nun wohl, ich bin es mehr denn je, und man ermutigt mich von allen Seiten, indem man mir alles zahlt, was ich verlange.“

Chodowiecki fertigte von nun an fast ausschließlich Radierungen zu Romanen, Taschenkalendern und anderen Publikationen. Nebenher entstanden eigenständige Blätter aus unterschiedlichsten Themenbereichen, von zahlreichen Porträtzeichnungen und Illustrationsvorlagen für andere Künstler ganz zu schweigen. Bis zu seinem Tode 1801 waren das über 2.000 eigenhändige Radierungen. Historienmaler war er also nicht, doch zum „Raphael im Kleinen“ hat er es mit seinen meist kleinformatigen Radierungen geschafft.

Chodowieckis Karriere ist dabei programmatisch für die Zeit des Umbruches zwischen 1760 und 1800. Es ist die Zeit des aufstrebenden Bürgertums. Das besagt nichts anderes, als dass eine immer breiter werdende, weder extrem reiche noch existenzbedrohend arme Bevölkerungsschicht, immer mehr Selbstvertrauen und Macht erhält. Genau dieses Publikum bediente Chodowiecki durch das neue Statussymbol des aufgeklärten und selbstbestimmten Bürgers: Das Buch. Der inflationäre Anstieg des Buchdrucks verlangte nach einer adäquaten Form der Bebilderung und hierfür eignete sich keiner besser als der aus der gleichen Schicht stammende Chodowiecki, der sich selbst als Verkörperung dieses neuen Bildungsbürgerideals verstand. Mit dem königlichen Hof hatte und wollte er nichts zu tun haben. Das Engagement für seinesgleichen war ihm stets wichtiger. Insofern ist Chodowiecki einer der ersten Künstler aus dieser neuen Mitte der Gesellschaft, wie sie für uns heute selbstverständlich ist, damals aber als neues Sozialphänomen begriffen wurde.

Diese neu gewonnene Freiheit, in der sich auch die fehlende akademische Ausbildung ins Positive drehte, ermöglichte dem Künstler auch in seiner Kunst gänzlich andere Perspektiven. Sein Publikum war nicht der Adel mit seinen oft eng geführten Moral- und Wertevorstellungen, sondern ein immer aufgeklärteres Bürgertum, das ein weites Spektrum von Interessen an den Tag legte, sei es nun religiös oder aufklärerisch, philosophisch ernst oder humoresk überzeichnet. In dieser selbstbestimmten Sphäre der Kultivierung war Chodowiecki nicht nur Chronist seiner Zeit, sondern durch seine Bilder maßgeblich an der Verbreitung der neuen Ideale beteiligt. In ihm verbindet sich auf das Glücklichste künstlerisches Talent mit aufklärerischem Willen und einem sicheren Gespür für die stets aktuellen Phänomene seiner Zeit. In dieser Kombination ist Chodowiecki ein Ausnahmekünstler von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Kunst. Auch wenn er heute naturgemäß nicht mehr jene Präsenz von damals genießt, so kann man ihn dennoch als stets pointiert witzigen, manchmal scharfzüngigen, auch gerne politischen, vor allem aber gesellschaftsanalysierenden Künstler entdecken, der Themen anspricht, die auch heute noch aktuell sind.

Chodowiecki4

Einige Bemerkungen zu den hier präsentierten Graphiken von Chodowiecki

Chodowieckis Berühmtheit führte dazu, dass er für immer mehr Druckgraphiken für Kalender und Bücher angefragt wurde, sein Arbeitsfleiß und seine Hingabe an die Aufgabe dazu, dass er selten einen Auftrag ablehnte. So entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit ein beeindruckendes Werk, das in dieser Größe und Qualität seinesgleichen sucht. Allerdings hatte Chodowiecki bei der Illustrationsgraphik auf die Belange des Buchdrucks Rücksicht zu nehmen. Die Radierung, jene druckgraphische Technik, die Chodowiecki fast ausschließlich anwandte, erlaubte jeweils nur sehr wenige sehr gute, wenige gute, und viele schlechte Abdrücke. Dieser Umstand liegt in der Weichheit des verwendeten Kupfers begründet, das als Druckplatte diente. Die teilweise hohen Auflagen im Buchdruck verlangten aber viele Abdrücke, weshalb die Platten häufig von anderen Künstlern nochmals kopiert wurden oder die Originalplatten „aufgestochen“, also nochmals nachbearbeitet wurden. Aus diesem Umstand entwickelte sich bei Sammlern von Druckgraphiken die Lust an der Jagd nach immer besseren Abdrücken, nach jenen ganz frühen ersten Abzügen, als die Platte zum ersten Mal eingeschwärzt und abgezogen wurde.

Chodowiecki2
Chodowiecki7

Später bediente Chodowiecki, ganz Sohn eines tüchtigen Kaufmanns, den Sammlermarkt ganz gezielt, indem er die Druckplatten am Rand mit sogenannten „Randeinfällen“ oder „Remarques“ versah. Ursprünglich dienten sie zum Testen der Ätzflüssigkeit und wurden daher vor dem eigentlichen Druck wieder abgeschliffen oder abgeschnitten. Chodowiecki aber entdeckte in ihnen die Möglichkeit, speziell für Sammler extrem seltene, teilweise unikate Druckwerke zu schaffen. Die Platten mit den „Remarques“ wurden nur einige wenige Male abgedruckt, dann abgeschliffen, teilweise mit neuen Randeinfällen versehen, dann wieder gelöscht und schließlich für den breiten Markt abgedruckt. So befeuerte Chodowiecki die Sehnsucht der Sammler nach seltenen Einzelstücken, die kein anderer hatte, was im Bereich der Druckgraphik ein seltener Fall ist. Blätter mit diesen „Remarques“ sind also nicht nur von besonderer Qualität, weil sie vor dem eigentlichen Drucklauf abgezogen wurden, sondern auch grundsätzlich sehr selten, weil es nur wenige Abzüge davon gibt (die genaue Zahl ist nicht zu bestimmen, aber es werden immer nur um die 10 bis 20 Abzüge sein). Gleichzeitig kann man sich sicher sein, einen Abzug von hervorragender Qualität in den Händen zu halten.

Die hier offerierte Sammlung mit Graphiken Chodowieckis enthält eine besonders große Anzahl an solch frühen Abzügen mit Randeinfällen. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Probedrucke, von denen es auch jeweils nur wenige Abzüge gibt. Einige Blätter tragen gar von Chodowiecki handschriftliche Vermerke über Freigaben der Abzüge. Diese außergewöhnlich große Ansammlung seltener Abzüge verdankt sich der Provenienz der Blätter: Sie stammen aus der Sammlung Alberto Chodowieckis, eines direkten Nachfahren des Künstlers, über den bekannt ist, dass er 1898, ca. sechzigjährig, nach Valparaiso in Chile übersetzte und dort wohl lebte. Chodowiecki hinterließ jedem seiner fünf Kinder eine jeweils nahezu vollständige Sammlung seines druckgraphischen Werkes. Die meisten hier präsentierten Blätter dürften also auf die Provenienz Chodowieckis zurückgehen. Alberto Chodowiecki hatte in seiner Sammlung aber auch Blätter von anderen Vorbesitzern. Hierunter finden sich Arbeiten aus den berühmten Chodowiecki-Sammlungen von Stechow, Engelmann und Du Bois (die Sammlung Stechow setzte sich aus einem Grundstock von 300 Blatt aus dem Besitz der Nachfahren Chodowieckis zusammen, zu dem später die herausragenden Sammlungen Schüppel, Hebich und du Bois-Reymond, sowie die Sammlung von Wilhelm Engelmann hinzugefügt wurden. Die Sammlung Stechow wurde 1919 in Leipzig versteigert. Es ist anzunehmen, dass einige unserer Blätter aus dieser Auktion stammen). Die hohe Qualität der Arbeiten, ihr Seltenheitswert und ihre herausragende Provenienz machen diese Sammlung zu einer außergewöhnlichen Fundgrube für jeden Sammler, ob er nun schon jahrelang die Graphiken des Berliners sammelt oder gerade erst damit anfängt.

Zur Katalogisierung der Werke Chodowieckis

Die profunde Kenntnis über das druckgraphische Werk von Chodowiecki verdankt sich dem schier unglaublichen Fleiß Wilhelm Engelmanns. Er hat 1857 ein umfassendes und in seiner Detailliertheit unübertroffenes Verzeichnis aller Graphiken Chodowieckis zusammengestellt und zu fast allen Blättern die verschiedenen Druckzustände und weitere Informationen angegeben. Dieses Dokument bietet auch heute noch die Grundlage einer jeden Beschäftigung mit dem Künstler. Die bei uns angegebenen Nummern hinter dem „E“ beziehen sich auf die Nummerierung durch Engelmann. Die römischen Ziffern bezeichnen die jeweiligen Druckzustände, wie sie von Engelmann verzeichnet sind. 1982 wurde dieses Verzeichnis durch Jens Heiner Bauer vollständig illustriert und mit einer neuen Nummerierung versehen. Auf diese Bauer-Nummern wird verzichtet, da sie durch die von Bauer angeführte Konkordanz leicht nachzuschlagen sind.

Chodowiecki9

Anbei noch kurze Erläuterungen zu einigen immer wieder auftauchenden Begriffen: Die Bezeichnung „Ätzdruck“ oder „Probedruck“ bedeutet, dass der Künstler diese Blätter für den eigenen Bedarf (z.B. zur Überprüfung der Qualität) abziehen ließ. Als die Nachfrage nach seinen Arbeiten immer größer wurde, ließ er mehrere Ätzdrucke abziehen und verlangte für diese den doppelten Preis als üblich, da sie von ausgesucht schöner Qualität waren und von Sammlern gesucht wurden. 1791 erwarb er eine eigene Presse und bezeichnete fortan häufiger die frühen Abdrucke selbst als Ätzdrucke.

Die bei Engelmann durch römische Nummerierungen differenzierten Zustandsdrucke unterscheiden sich häufig durch kleinere Veränderungen, die während des Druckprozesses noch an den Platten vorgenommen wurden. Diese frühen Zustandsdrucke gehören zu den besten Abzügen der jeweiligen Platten.

Aurelio Fichter

Literaturempfehlungen

  • Wilhelm Engelmann, Daniel Chodowieckis sämtliche Kupferstiche. Im Anhang Nachträge und Berichtigungen von Robert Hirsch. Nachdruck der Ausgaben Leipzig 1857 und 1906, Hildesheim 1969

  • Ausstellungskatalog Frankfurt am Main 1978: Daniel Chodowiecki 1726-1801. Bürgerliches Leben im 18. Jahrhundert, Städel-Museum Frankfurt am Main, Frankfurt 1978

  • Ausstellungskatalog Berlin 2000: „Die Natur ist meine einzige Lehrerin, meine Wohltäterin“. Zeichnungen von Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726 - 1801) im Berliner Kupferstichkabinett, hg. von Rebecca Müller, Berlin 2000

+
Chat