Ölskizze

Die Opferung der Iphigenie

Eduard Bendemann

19.000,00 € *

inkl. Mwst. & inkl. Versandkosten
Art.-Nr.: EdBen/Oes 1

Sofort versandfertig, Lieferzeit 1-3 Werktage***

Merken
Man stelle sich dieses Geschehen nur einmal als Filmszene vor: Intensive südliche Sonne strahlt... mehr
Die Opferung der Iphigenie
  • Technik: Öl auf Papier auf Leinwand
  • Zustand: Guter, restaurierter Zustand, vereinzelte restaurierte Beschädigungen im Papier.
  • Größe: 55 x 115,5 cm (Darstellung)
  • 69,5 x 128,5 cm (Rahmengröße)
  • Epoche: Romantik
  • Jahr: um 1885

Man stelle sich dieses Geschehen nur einmal als Filmszene vor: Intensive südliche Sonne strahlt auf den hellen Körper einer offenbar an den Füßen gefesselten, aber sich windenden und mit den Armen sich wehrenden, halbentblößten jungen Frau, die von kräftigen Männern in Richtung eines Altars gezerrt wird: dort im Schatten wartet eine priesterlich gewandete Gestalt mit einem Dolch. Mit ihrer Kopfdrehung und ihrem linken Arm wendet sich die Frau hilfesuchend zurück an jene Figur, auf die alle Blicke und Gesten gerichtet sind, den von einer Menschenmenge umringten Mann im roten Feldherrenmantel. Dieser aber wendet den Blick ab, versucht seine Augen mit der Hand zu verbergen, während eine auf Knien zu Boden gestürzte Frau flehend seine Wade umfasst; noch streckt er den Arm mit dem Befehlsstab aus. Obgleich die Malerei stets nur gefrorenes Theater liefern kann, würde auch die unsere Betrachtung begleitende Kamerafahrt hier zum Stillstand gelangen. Agamemnon darf sich von Klythemnästra nicht erweichen lassen, denn um das auf Aulis - im Hintergrund sehen wir das Meer - eingeschlossene griechische Heer zu retten, muss Iphigenie der Artemis geopfert werden. Im Mythos verweigert der verzweifelte Agamemnon die Opferung seiner Tochter, diese aber stimmt freiwillig zu und wird deshalb von Artemis verschont. Man hat Iphigeniens Gesichtsausdruck im ausgeführten Monumentalgemälde1 als offen interpretiert, obwohl dort die Leidensformel des Laokoon erscheint; könnte das Einverständnis nicht eher noch in unserem Entwurf mit angelegt sein? Doch auch wenn Bendemann in dem 1882-1887 greifbaren Entwurfsprozess unterschiedliche Quellen verarbeitet hat2, spricht wenig dafür, dass er mehrere zeitliche Momente zusammenfassen wollte. Zu erwarten wäre dann auch eine Präsenz von Artemis und des Opfertiers, das Iphigenie ersetzen wird. Besser denkbar ist die Wahl eines ‚fruchtbaren Moments‘, nämlich des Höhepunktes der durch Agamemnons Zaudern gesteigerten Spannung, die der heroischen Entscheidung Iphigeniens vorausgeht. Eine andere, vom visuellen Befund ausgehende Lesart kann an der Unfähigkeit zur Entscheidung ansetzen: der Fortgang des Geschehens wäre dann offen und nicht vom Drama des Euripides determiniert.
Das Opfer des Einzelnen und das Zurückstellen eigener Emotionen zugunsten des Gemeinwohls, Bürgerpflicht und Loyalität waren in der Revolutionszeit und erneut in den Kriegen von 1867 und 1870 aktuelle Themen, die zugleich auf den Kern der Debatte um die Historienmalerei führen. Durch die wissenschaftliche Betrachtung der Vergangenheit und die Öffnung der Kunst für neue Zielgruppen schienen ihre Inhalte nicht mehr zu überzeugen; so klingt bei Bendemann Distanz an, wenn er 1880 vom "Arbeiten im sog. historischen Sinne" und der Gabe für die "sogenannte historische Malerei" spricht.3 Die Lösung bieten sollte eine die Handlung suspendierende Konzentration auf allgemein verständliche Emotionen und Zustände.4 Hierzu hat Bendemann über mehrere Stadien im Ausdruck der Klage und Verzweiflung gesteigerte Figurentypen, die er für Themen des Alten Testaments entwickelt hatte, transformiert und in gelungener Weise neu semantisiert.5 Zugleich betont die Form die Klassizität und damit die Normativität des Sujets. Denn das Breitformat lässt an römische Sarkophage denken und unterstreicht die Linearität der Figurenkomposition. Jedoch wird deren friesartiger Charakter durch die Lichtregie kaschiert, die nur die Hauptfiguren kontrastreich hervortreten lässt und im Gegenzug die Raumtiefe verstärkt. Von außerordentlichem Reiz ist dabei die Frische der lockeren Schraffuren und umschreibenden Linien, wodurch die Malerei Spuren des Entwurfsprozesses bewahrt. Besonders die figurenreiche Zone rechts bezieht aus der skizzenhaften Angabe der Physiognomien und lose an die Konkretion gebundener Farbfelder eine Lebendigkeit, die mit der Diversifizierung der Affekte und der unterschiedlichen Beteiligung am Geschehen einhergeht. Zur Leichtigkeit des Blaus kontrastierende rote, orange und erdhafte Töne treten in verschiedenen Brechungen auf; in solcher Weise macht Bendemann Hitze und Kälte als Gradmesser der Emotionalität für die Bilderzählung nutzbar.
Seit Jahren erfährt Bendemann in Ausstellungen und Forschungsarbeiten eine Wiederentdeckung. In unserer herausragenden Studie, die sein letztes Hauptwerk vorbereitete, erscheinen die Fähigkeiten des Hauptvertreters der Düsseldorfer Schule nochmals konzentriert. Seine von nazarenischer Strenge der Linie befreite und farblich kraftvolle Umsetzung erscheint am Ausgang des Säkulums jedoch nicht mehr als - unzeitgemäße - Behauptung der Schadowschule6, sondern korreliert bereits der Suche des Symbolismus nach neuen Ausdrucksformen für die existenziellen Konflikte des Individuums.

---
1 Das Opfer der Iphigenie, 1887, 155 x 342 cm, Museum Kunstpalast Düsseldorf, Dauerleihgabe der Kunstakademie.
2 Scholl 2012.
3 Brief vom 6.11.1880 an Friedrich Pecht in
München. In: Pecht 1881, S. 292f.
4 Krey 2003, S. 23.
5 Vgl. ebd., S. 186; Scholl 2012.
6 Scholl 2012, S. 205.

Haben Sie weitere Fragen?

Zuletzt angesehen
Chat