Ölgemälde

Frau mit Turban

Josef Grassi

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Art.-Nr.: JoGra/Oe 1

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Der Maler hält sein Modell in einer kapriziösen Pose fest, welche die Dialektik des... mehr
Frau mit Turban
  • Technik: Öl auf Leinwand
  • Zustand: Insgesamt guter Zustand, vereinzelte Retuschen, wachsdoubliert
  • Provenienz: Johann Friedrich Lahmann, Weißer Hirsch/Dresden; Galerie Dr. Luz, Berlin; Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt.
  • Größe: 62,8 x 50 cm (Darstellung)
  • 75,5 x 62,5 cm (Rahmengröße)
  • Epoche: Klassizismus
  • Jahr: um 1805

Der Maler hält sein Modell in einer kapriziösen Pose fest, welche die Dialektik des Porträtbildes zwischen An- und Abwesenheit, Momenthaftigkeit und Dauer als ein Wechselspiel von Ab- und Zuwendung, von Zeigen und Verbergen in Szene setzt. Mit der rechten Hand zieht die Dame den schweren Mantel zusammen, der von Rücken und Schulter gleitend, unseren Blick auf den weiten Halsausschnitt eines dünnen Empirekleides freigibt. Aus dieser Bewegung entsteht eine virtuelle Rundansicht der Figur, die sich in Kopfdrehung und Blickwendung fortsetzt. Zugleich stiften verhaltenes Lächeln und Heben der linke Braue eine direkte Beziehung zum Betrachter. Auffällig hierbei ist nicht nur die strenge Diagonalkomposition, mit der Grassi das ideale "von allen Seiten gleich schön" gekonnt ausbalanciert, sondern auch der Farbklang
Rot - Blau - Gelb in den diversen, teilweise changierenden Stoffen. Damit nimmt Grassi klassizistische Tendenzen auf, die sich ebenso im antikisierenden Kleidungstil und der Frisur seines Modells widerspiegeln.
Ähnlich wie Elisabeth Vigeé-Le Brun in ihrem russischen Exil, stellte der Dresdener Akademieprofessor weibliche Adelige häufig, besonders wiederum für russische und polnische Auftraggeber, in mythologischen Rollen dar. Von Le Bruns 1790 in Neapel entstandenem Bildnis der Emma Hart (alias Lady Hamilton) als Sibylle von Cumae, dessen Thematik sie in St. Petersburg für einen anderen Porträtauftrag aufgriff, könnte unser Bild sogar angeregt worden sein. Grassi wird die Kunde von dem außergewöhnlichen Porträt mindestens mündlich ereilt haben. In seinem Gemälde übt sich die Porträtierte im Spiel mit orientalisierenden Requisiten, ohne allerdings wie Miss Hart die Rolle einer inspirierten Seherin anzunehmen. Dennoch ist dies das Bildnis einer selbstbewussten Frau, die aktiv mit dem Blick des Betrachters umgeht. Zugleich tritt sie uns als 'natürlicher' Mensch im Sinne der Aufklärung entgegen, da sie die mögliche Distanz zwischen Person und Rolle1 augenfällig macht. Wie virulent die Ideen Rousseaus um 1800 noch waren, ist durch Goethes 1809 erschienene Wahlverwandtschaften hinreichend belegt.
Obwohl der ab 1795 in Dresden, Gotha und Rom tätige Maler als glänzender Porträtist der Aristokratie sehr gefragt war, ist bislang keine Identifizierung der Dargestellten gelungen. Die obigen Überlegungen lassen keine Entscheidung über einen adeligen oder bürgerlichen Stand der Person zu; deren 'Image' freilich musste schon bald neuen Gegebenheiten angepasst werden. Denn auf einem weiteren Gemälde Grassis von 1814 erscheint sie ernster blickend, etwas älter und, einem Bildnisschema der Renaissance folgend, vor einem Fensterausblick als Dame mit Hündchen.2 Im Vergleich mit dieser in seiner tonigen Farbigkeit und gedämpften Beleuchtung altdeutsch anmutenden Fassung würde nicht nur der dramatische Umschwung des kulturellen Klimas innerhalb eines Jahrzehnts spürbar, es teilte sich auch umso deutlicher mit, welcher Faktor die Qualität unseres früheren, weniger elaborierten Gemäldes ausmacht: es ist der Esprit einer lebendigen Begegnung.

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1 Freilich kritisierte Brilliant 1991, S. 101 an Thomas Phillips‘ Porträt von Lord Byron in orientalischer Kostümierung (1813) gerade die Äußerlichkeit der Rolle: "One senses in Phillip’s portrait the player in the part rather than the part in the player."
2 A.-Kat. Schweinfurt 2010, S. 144f, Nr. 42.

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