Johann Christoph Erhard

  • 1795 Geburt am 25. Februar in Nürnberg als Sohn eines Silberdrahtfabrikanten

  • 1805 – 1809 Ausbildung in der Städtischen Zeichenschule zu Nürnberg

  • Ab 1809 Lehre in der Werkstatt des Malers und Druckgrafikers Ambrosius Gabler | Ausflüge ins Nürnberger Umland, die Fränkische Schweiz und die Oberpfalz | Begründung der Künstlerfreundschaft mit Georg Christoph Wilder, Conrad Wießner und Johann Adam Klein

  • 1811 Erste Radierungen | Freiere Entwicklung nach Weggang Kleins nach Wien | Aufträge durch den Nürnberger Kunsthändler und Verleger Johann Friedrich Frauenholz

  • 1815 Wieder unter dem Einfluss des zurückgekehrten Klein | Zeichnungen durchziehenden Militärs

  • Juni 1816 Gemeinsame Reise nach Wien mit Johann Adam Klein | Bekanntschaft mit Heinrich Reinhold und Friedrich Philipp Reinhold, Ernst Welker und Johann Nepomuk Passini

  • 1817 Reise ins Höllental und zum Schneeberg

  • Sommer 1818 Reise nach Berchtesgaden und ins Salzkammergut gemeinsam mit den Gebrüdern Reinhold, Welker und Klein

  • 1818/19 Gute Auftragslage und Erstellung vieler Radierungen | Beginnende Depression und fortschreitende Unterleibskrankheit

  • Oktober 1819 Aufbruch nach Rom mit Heinrich Reinhold

  • November 1819 Ankunft in Rom | Unterkunft bei Johann Joachim Faber | Bekanntschaft mit Joseph Anton Koch und Julius Schnorr von Carolsfeld | Zunehmende Depression

  • Sommer 1820 Hohe Produktivität | Zeichnungen in Rom und der Campagna Romana

  • Dezember 1820 Selbstmordversuch durch Trinken von Ätzwasser | Behandlung durch den Leibarzt des Kronprinzen Ludwig von Bayern, Johann Nepomuk Ringseis

  • Juli 1821 Pflege durch Johann Joachim Faber, dessen Frau und Heinrich Reinhold in Olevano

  • November 1821 Letzte Radierung „Ansicht von Olevano“ entsteht

  • 1822 Am 18. Januar Selbstmordversuch durch einen Schuss in den Rachen | Nottaufe auf Bestreben katholischer Freunde

  • 1822 Am 20. Januar verstirbt Johann Christoph Erhard an den Folgen der schweren Verletzung

Ein Leben im Überblick

Das Interesse für das kurze Leben des Nürnberger Künstlers Johann Christoph Erhard beschränkte sich lange Zeit auf den tragischen Tod in Folge eines Suizidversuches. Das Werk des Künstlers wurde nur von einigen Grafikliebhabern beachtet, wie es sich auch im früh erstellten Werksverzeichnis des druckgrafischen Œuvres durch Aloys Apell im Jahre 1866 widerspiegelt. Das Interesse sowohl für Zeichnungen und Aquarelle Erhards als auch eine Würdigung, die über die eines regional bedeutsamen Künstlers hinausgeht, entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, ein umfassendes Verzeichnis der Zeichnungen wurde erstmals 2013 durch Marleen Gärtner veröffentlicht.

Die frühen Jahre Johann Christoph Erhards ähneln erstaunlich stark der Jugend eines seiner engsten Künstlerfreunde: Johann Adam Klein. Wie dieser wurde Erhard in eine Handwerkerfamilie geboren, deren Interesse für die schönen Künste erst auf den zweiten Blick sichtbar wird.

Johann Christoph Erhard erreichte in kaum 27 Lebensjahren eine frühe Vollendung seines künstlerischen Werkes. Aus einer den schönen Künsten zugeneigten Handwerkerfamilie stammend wurde er seit der Kindheit gefördert und in seinem Lebensweg, nicht zuletzt auch finanziell, unterstützt. Die gemeinsamen Jugendjahre mit anderen Nürnberger Künstlern, unter denen besonders Johann Adam Klein hervorzuheben ist, beeinflussten und formten ihn. Angeleitet im Naturstudium und der realistischen Wiedergabe von Landschaften und Figurenszenen unternahm er zahllose Ausflüge in die Umgebung seiner Heimat. Von seinen Mitschülern inspiriert und nicht zuletzt durch den Erfolg des älteren Kleins gelockt, reiste er mit diesem nach Wien und begann dort eine eigenständige Entwicklung, losgelöst von den konservativen Vorgaben seiner Schulung und den Vorbildern seiner Freunde. In seinem Zeichenstil noch immer den Realismus wiederspiegelnd, setzte er sich stärker auch mit den Idealen der Romantik und den Kunstvorstellungen des Lukasbundes und der Nazarener auseinander. Offenbar in seiner Art verschlossener als sein erfolgreicher Freund Klein, misslang ihm jedoch der finanzielle Erfolg durch seine Kunst.

Wieder durch die engsten Freunde motiviert und einer alten Tradition folgend, begab sich der Künstler 1819 nach Rom, wo er im Antiken- und Landschaftsstudium auch die Möglichkeit des Verkaufes seiner Werke suchte. Zunehmend von Depressionen und Schwermut geplagt, von Unzufriedenheit und Unsicherheit innerlich zerrissen, erlebte seine Produktivität besonders im Jahr 1820 ungeahnte Höhen. Zeichnungen und Aquarelle römischer Architektur und insbesondere der Landschaften der Campagna zeichnen sich durch realistische Darstellung, überhöht von romantischer Atmosphäre aus. Sogar die späten Radierungen zeigen neben scharf begrenzenden Linien auch eine leuchtende Lichtstimmung, die selbst genrehafte Figurengruppen sinnstiftend emporhebt. Nach dem ersten Selbstmordversuch durch die Freunde gepflegt und wieder zu neuem Schaffen motiviert, beendeten die Folgen des zweiten Suizidversuches am 20. Januar 1822 endgültig das Leben Johann Christoph Erhards.

Wie alles begann

Der Vater Jacob Reinhard Erhard, der in Familientradition das Drahtzieherhandwerk ausübte, scheint den Künsten und besonders der Musik zugeneigt gewesen zu sein. Auch der gebildete Einfluss des viel älteren Stiefbruders Johann Benjamin Erhard, der als Staatstheoretiker und Arzt tätig war und medizinische, philosophische sowie rechtswissenschaftliche Schriften verfasste, sollte nicht außer Acht gelassen werden. Nicht zuletzt da er als Mitbegründer der Gesellschaft der Nürnberger Künstler und Kunstfreunde drei Jahre vor Geburt des Stiefbruders auch die greifbare Verbindung der Familie zur Kunst knüpfte. Nach Aufdeckung des künstlerischen Talentes des jungen Erhards ließ man ihm also verständnisvoll eine entsprechende Förderung angedeihen, zumal die Fortführung des Familienbetriebes durch einen älteren Bruder gesichtert war.

Erhard besuchte ab 1805 die Städtische Zeichenschule zu Nürnberg, wo er auch dem zwei Jahre älteren Johann Adam Klein begegnete. In der Schule wurde unter Christoph Johann Sigmund Zwinger (1744-1809/13) vor allem das praktische Zeichnen gelehrt, das für die Arbeit im Kunsthandwerk vorbereiten sollte. Die Ausbildungsmethode folgte dabei den längst veralteten Vorgaben der Lehrwerke von Johann Daniel Preißler (1666-1737), in denen die Komposition von Landschaften oder Figurendarstellungen nach strengen Regeln normiert war. Auch die darüber hinaus geübte Praktik des Kopierens nach bekannten Künstlern ließ zunächst wenig Freiraum für kreative Entfaltungen. Mit Abschluss der Schulzeit verfolgte Erhard weiter die Ausbildung zum Künstler und begann eine Lehre in der angesehenen Nürnberger Kunstschule und Werkstatt des Ambrosius Gabler (1762-1834). Gablers Lehrprinzip fußte auf dem Studium nach der Natur und förderte ganz besonders individuelle Beobachtungen und die Anfertigung vieler Studienskizzen. Dennoch wurde auch das Kopieren geübt, vornehmlich am Beispiel niederländischer und deutscher Künstler des 17. und 18. Jahrhunderts. Schon jetzt offenbarte sich die Vorliebe Erhards für das Genre des Landschaftsbildes, mit dem er sich auf Anregung seines Lehrers in Naturbeobachtungen und dem Studium der Realisten des 18. Jahrhunderts auseinandersetzte.

In der Werkstatt Gablers traf Erhard auch wieder auf Johann Adam Klein, der bereits vier Jahre zuvor von der Zeichenschule in die Lehre übergewechselt war. Aus den Mitschülern von damals wurden in der gemeinsamen Lehrzeit enge Freunde, die sich, um Georg Christian Wilder (1797-1855) und Conrad Wießner (1796-1865) ergänzt, zu einem festen Freundeskreis verbanden. Durch den gemeinsamen Lehrer zu ausgiebigen Studienausflügen angeregt und meist angeführt durch den älteren Mitschüler Klein durchstreiften sie das Nürnberger Umland bis in die Fränkische Schweiz und sammelten währenddessen zahllose Skizzen und Zeichnungen nach den erlebten Eindrücken.

Die heimische Landschaft wurde dabei ebenso zum Motiv wie die pittoreske Bauernidylle, mittelalterliche Burgruinen und nicht zuletzt die Künstler selbst. Mit dem Porträt des Künstlers auf Reisen, meist gezeigt mit Zeichenutensilien oder bei der Tätigkeit des Zeichnens, entstand bei den Wanderungen ein völlig neuartiges Bildthema, das sich in den Lebenswerken der befreundeten Künstler mehrfach wiederfindet. Die Porträts zeugen von dem Zusammenhalt der Freundesgruppe und dokumentieren die gegenseitige Zuneigung gleichermaßen wie die Ausflüge als gemeinsames Studium.

Der Inspiration mannigfaltige Wege

Besonders in den frühesten Arbeiten Erhards zeigt sich der starke Einfluss des älteren Freundes Johann Adam Klein, der sich besonders für Tierdarstellungen und ländliche Genreszenen begeisterte und einen ausgeprägten Realismus entwickelte. Erst als dieser nach vollendeter Ausbildung 1811 nach Wien reiste, löste sich Erhard von diesem künstlerischen Vorbild. Noch lange ist jedoch auch der Einfluss anderer Grafikkünstler auf Erhard zu beobachten, zu denen Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726-1801), Ferdinand Kobell (1740-1799), Karel Dujardin (1622-1678) und Anthonie Waterloo (um 1610-1690) zählen. Besonders die Stilvorbilder der niederländischen Landschaftskünstler des 17. Jahrhunderts und der Landschaftsdarstellungen aus dem Zeitalter der deutschen Aufklärung fesselten ihn und verhalfen ihm gerade unter den traditionsbewussten Sammlern von Grafik zu Kundschaft.

Nicht zuletzt daher umfassten die Themen seiner eher konservativen Frühwerke besonders Landschaften, denen ein romantischer Hauch anhaftet, oft mit den Überresten mittelalterlicher Burgen oder Spuren durch menschliche Kultivierung in Form von pittoresken Mühlen oder Gehöften. Figuren zeigt Erhard nur als untergeordnete Staffage und scheint sie teils sogar einer genau beobachteten Botanik unterzuordnen, die wiederum in seinem Werk allgegenwärtig ist.

Eine gewisse lokalpatriotische Tendenz lässt sich im Interesse Erhards für die Nürnberger Altstadt erkennen. Um 1800 durch romantische Programmschriften Wilhelm Heinrich Wackenroders (1773-1798) und Ludwig Tiecks (1773-1853) wieder ins Bewusstsein gerufen, beschäftigten sich einige Nürnberger Künstler mit der künstlerischen Darstellung ihrer Stadt. Besonders die mittelalterlichen Bauten, die teils durch Baufälligkeit oder wegen finanzieller Forderungen des Landes Bayern als neuem Verwaltungshaupt Nürnbergs grundlegenden Umbauten oder gar dem Abriss ausgesetzt werden sollten, gerieten in das Blickfeld der Künstler. Der Erfolg Erhards in dieser Zeit lässt sich daran ablesen, dass er mit dem einflussreichen Nürnberger Kunsthändler und Verleger Johann Friedrich Frauenholz einen Vertrag über die Ablieferung etlicher Druckgrafiken schloss und sich damit dem Mittelpunkt der Nürnberger Kunstszene annäherte.

Die kriegerischen Zeiten der Napoleonischen Kriege berührten auch Nürnberg, indem verstärkt ab 1813 die Truppen der Koalition gegen Napoleon durch die Stadt zogen. Wie fast alle Bewohner Nürnbergs faszinierten auch Erhard die fremden Soldaten in ihren andersartigen Uniformen, wobei vor allem das russische Heer mit seinen exotischen Kriegern wie Kosaken, Kalmücken und Baschkiren, Aufsehen erregte. Weniger präzise als sein Jugendfreund Klein aber ebenso wie jener mit einem Blick auf das Genrehafte, zeichnete und radierte auch Erhard mehrere Folgen militärischer Darstellungen. Gerade nach der Rückkehr des Freundes im Jahre 1815 ließ Erhard sich zu weiteren Uniform- und Trachtenstudien inspirieren, die Klein zwischenzeitlich in Wien perfektioniert hatte. Dass er in dieser Zeit die bis dahin so eifrig verfolgte Landschaftsdarstellung vernachlässigte und sich verstärkt der Darstellung von Figuren widmete, legt die starke Abhängigkeit von dem Künstlerfreund nahe. Dieser wusste von den Erfahrungen der Reise und den Eindrücken Österreichs zu berichten und brachte den Ruhm eines angesehenen Künstlers mit zurück nach Nürnberg. Vielleicht gerade um diesem Vorbild nachzueifern, folgte Erhard Johann Adam Klein im folgenden Jahr zu einer weiteren Reise nach Wien.

In gewohnter Manier diente schon der Reiseweg den beiden Freunden, die bis Regensburg noch von Wilder und Wießner begleitet wurden, zur Erstellung zahlreicher Studien und Zeichnungen. In Wien empfing der alte Freundeskreis Kleins die beiden Künstler freudig und selbiger wurde sogleich mit Aufträgen bestürmt. Zugleich protegierte er den jungen Künstlergenossen Erhard und verhalf auch diesem zu Kontakten und Aufträgen in Wien. Fern der alten Heimat löste Erhard sich von den konservativen Darstellungsweisen, die ihm in der Lehre vermittelt wurden und deren Form er lange weiterverfolgt hatte. Zudem zeigte sich, dass er sich auch unabhängig von den Einflüssen des Freundes und Vorbildes Johann Adam Klein entwickeln konnte und eigenen Interessen nachging. Während letzterer zu einem strengen Realisten wurde, orientierte sich Erhard zugleich auch an romantisch-nazarenischen Bildvorstellungen, die er im Umkreis Ferdinand Oliviers (1785-1841) und Julius Schnorr von Carolsfelds (1794-1872) kennenlernte.

Alles für die Landschaft

Nach wie vor blieb die Landschaft sein liebstes Genre. Wie schon zu seiner Nürnberger Zeit, verbrachte Erhard viel Zeit mit Ausflügen in die Umgebung, bei denen er, oft in Begleitung seiner Künstlerfreunde, Studien und Skizzen nach der Natur anfertigte. Im Sommer des Jahres 1817 begab er sich gemeinsam mit den Freunden Heinrich Reinhold (1788-1825) und Ernst Welker (1788-1857) auf eine Wanderung in die Schneebergregion und ins Höllental, wo er eindrucksvolle Gebirgslandschaften vorfand, die er später in einer Serie radierte. Dabei fallen die ungewöhnlichen Blickwinkel und die oft ausschnitthaft begrenzte Blickführung auf, die seine Werke von denen anderer Künstler abhebt.

Häufig sind in Erhards Landschaftsbildern Straßen und Wege in Szene gesetzt, die dem Betrachter eine unmittelbare Perspektive ermöglichen. Genau dem Blick des wandernden Künstlers folgend, blickt er so in die Umgebung und auf vorbeiziehende Personen und Fuhrwerke. Obwohl Erhard seine Landschaftsbilder aus einzelnen Impressionen komponierte und Figuren und Gebäude beliebig hinzufügte, gelang es ihm auf diese Weise dennoch das Gefühl des tatsächlich Erlebten zu vermitteln.

Im Sommer des nächsten Jahres, 1818, trat Erhard eine weitere Studienreise an. Gemeinsam mit den Freunden Welker, den Gebrüdern Reinhold und Johann Adam Klein wanderte er in das Salzkammergut, besuchte Salzburg und Berchtesgaden. Die Reise bot viele Möglichkeiten, die alpine Bergwelt zu bestaunen und in Zeichnungen festzuhalten. Die hohen Gebirgszüge formten zudem einen eindrucksvollen Hintergrund für Ortsansichten, Darstellungen der hiesigen Tierwelt und bäuerliche Genreszenen sowie Porträts. Bei Berchtesgaden trennten sich die Freunde und gingen ihrer eigenen Wege. Erhard und Welker blieben zusammen und bereisten die österreichischen Täler entlang der Salzach und bis Bad Gastein. Zurück in Wien fertigte Erhard nach der Reise eine Folge von Radierungen an, in denen er ohne eindeutigen topografischen Bezug die Eindrücke verarbeitete. Die Drucke zeigen neben bemerkenswert realistischer Botanik vor allem Figuren in kleinen, nahezu allegorischen Szenen. „Themen wie die Lebensalter oder die scheinbar naive Frömmigkeit der Landbevölkerung […] spielen eine Rolle, ebenso wird das Verhältnis von Mensch und Natur reflektiert.“ (M. Gärtner 1996, S. 21).

Darüber hinaus beschäftigte er sich vor allem mit Auftragsarbeiten und dem Radieren fremder Vorlagen. Die Kontakte innerhalb des Freundeskreises intensivierten sich besonders mit Heinrich Reinhold, der sich ebenfalls in Wien niederließ. Zudem freundete Erhard sich mit dem Künstler Johann Nepomuk Passini (1798-1874) an, mit dem er die zur Gewohnheit gewordenen Studienausflüge in die Umgebung unternahm. In dieser Zeit äußerten sich wohl auch erstmals stärker psychische Erkrankungen bei Erhard. Vielleicht suchte der Künstler gerade deshalb den Kontakt zu dem jüngeren Passini, dem er gleichsam als Mentor dienen konnte und entschloss sich, im Oktober 1819 die Gelegenheit zu ergreifen, seinen Freund Reinhold nach Italien zu begleiten.

Italien, Italien und immer wieder Italien

Mitte Oktober brachen sie zur Wanderung auf und erreichten schon im November Rom, woraus zu schließen ist, dass sie recht zügig unterwegs waren und sich nur selten Zeit nahmen, um auf ihrem Weg Landschaften und reisendes Volk zu zeichnen. In Rom bewegten sie sich vor allem im Umkreis der deutschen Künstlerschaft, die sich einer Kolonie gleich bereits seit etlichen Jahrzehnten dort zusammengefunden hatte und einen insgesamt von einem Zusammengehörigkeitsgefühl geprägten Umgang pflegten. Als begeisterter Landschaftskünstler schloss sich Erhard dem Studium bei Joseph Anton Koch (1768-1839) an und geriet auch in Bekanntschaft mit der Gruppe der Nazarener. Der protestantischen Konfession angehörend suchte er allerdings stärker den Kontakt zu den Kapitolinern um Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) und Friedrich Olivier (1791-1859), die eine ähnliche Kunstvorstellung verfolgten wie die katholischen Nazarener. Den Kontakt zu Johann Adam Klein hielt er nach dessen etwas späteren Ankunft im Dezember 1819 nicht zuletzt durch Ausflüge zu Studienzwecken und gemeinsamen Modellsitzungen in der Villa Malta aufrecht. Während des Aufenthaltes in Rom offenbarte sich jedoch endgültig die eigenständige künstlerische Entwicklung Erhards, die sich bereits in der Wiener Zeit angedeutet hatte. Gerade seine Landschaftsbilder hoben sich nun von denen des strengen Realisten Klein ab, indem sie noch stärker einem romantisierenden Einfluss unterworfen waren und durch übernatürliche Leuchtkraft eine poetische Stimmung vermittelten, die über die wahrhaft und naturalistische Darstellung hinausgeht.

In Rom müssen sich immer häufiger melancholische Züge an Erhard gezeigt haben, die auch den Freunden nicht unentdeckt blieben. Oft blieb er ungesellig und zunehmend scheint er unter Depressionen sowie körperlichen Beschwerden gelitten zu haben. Im Gegensatz zu seinem Freund Klein, der in seiner ersten Lebenshälfte großen Erfolg erntete, fehlte ihm zum künstlerischen Talent die Fähigkeit des gesellschaftlichen Umgangs und das Geschick, gewinnbringende Kontakte zu knüpfen. Der Zweifel an der eigenen Kunstfertigkeit, der sich daraus zwangsläufig entwickeln musste und der sich durch das Ausbleiben von Aufträgen nur verschlimmerte, sowie die innere Zerrissenheit zwischen katholischer und protestantischer Konfession, mit der er sich in der Berührung mit den anderen deutschen Künstlern auseinandersetzen musste, führten offenbar zu schweren psychischen Problemen bis hin zur Geisteskrankheit.

Bei einem gemeinsamen Ausflug mit Klein zur alten Brücke Ponte Salario vermeinte er gar den Teufel zu sehen. In diese Wahnvorstellung steigerte er sich derart hinein, dass er gegen Weihnachten des Jahres 1820 einen ersten Suizidversuch unternahm, indem er ätzende Säure trank. Dass er die Tat überlebte ist wohl vor allem der liebevollen Pflege des Malers Johann Joachim Faber, seiner Frau und dem Künstlerfreund Heinrich Reinhold zu verdanken. Auch der Kronprinz Ludwig von Bayern, der sich zu dieser Zeit in Rom aufhielt, nahm Anteil und sandte kundige Hilfe in Form seines Leibarztes Johann Nepomuk Ringseis.

"Die Zeit wird lehren was noch aus mir werden soll"

Mit dem Selbstmordversuch beendete Erhard brutal eine Zeit produktiver Kreativität, die sich trotz seiner inneren Zerwürfnisse in Form zahlreicher Stadtansichten und Zeichnungen frühchristlicher Kirchen geäussert hatte. In Aquarellen hielt er während des Sommers 1820 Ausblicke in die karge Campagna Romana fest, der er mit blass leuchtenden Farbflächen und verhaltener Konturhaftigkeit Ausdruck verlieh. Den ganzen Sommer über streifte er durch das Römische Umland während sich seine finanziell unabhängigen Freunde Klein und Reinhard auf eine Expedition nach Neapel begaben. In Rom selbst bediente er hauptsächlich die Nachfrage der kunstinteressierten Kundschaft, wohlhabenden Reisenden und Intellektuellen, die Andenken für ihren Aufenthalt suchten, und bildete die antiken Bauwerke Roms ab. Oft nüchtern und ohne ausschmückende Figurenstaffage scheinen diese Werke von der verschlossenen Gesinnung Erhards zu künden. Erst im Sommer 1821 erholte Erhard sich von dem Anschlag auf das eigene Leben und zog unter liebevoller Betreuung der Eheleute Faber und Reinholds in das Sommerhaus Fabers nach Olevano. Noch immer um den Freund besorgt wachte man mit Argusaugen über ihn. Von der Frische der bergigen Landschaft belebt und offenbar voller Tatendrang begab sich Erhard wieder an die Anfertigung von Zeichnungen und Aquarellen. Als der alte Jugendfreund Klein ihn im Oktober zu überreden suchte, ihn zurück in die Nürnberger Heimat zu begleiten, lehnte jener mit der Begründung ab, er habe durch seine zurückliegende Krankheit viel an Arbeit und Eindrücken aufzuholen.

Im Herbst kehrte er wieder nach Rom zurück und begann mit den Vorbereitungen einer Radierserie, in der er die Impressionen der Sommerfrische zu verarbeiten gedachte. Gärtner stellt in den dazugehörigen Entwürfen eine Unsicherheit in der Linienführung Erhards fest, die das alte Selbstvertrauen im Umgang mit dem Bleistift vermissen ließen. Angesichts der im späten Herbst wieder auftretenden Depressionen noch immer in Angst um Erhard, kümmerte sich Heinrich Reinhold um den Freund und ließ sogar die eigene Arbeit darunter leiden. Dennoch verletzte sich Erhard am 18. Januar 1822 bei einem erneuten Versuch, sich das Leben zu nehmen, mit einer Pistole schwer. Im Hospital Santa Maria della Consolazione wurde er noch zwei Tage gepflegt, bevor der den Verletzungen erlag. Auf dem Sterbebett wurde der kaum ansprechbare Erhard im katholischen Sinne getauft und erhielt die Sterbesakramente. Er verstarb am 20. Januar des Jahres 1822.

Benedikt Ockenfels

Zur Katalogisierung der Druckgraphiken Erhards

Aloys Apell veröffentlichte 1866, drei Jahren nachdem C. Jahn sein Verzeichnis zu Johann Adam Klein vorgelegt hatte, das Verzeichnis der Druckgraphiken von Johann Christoph Erhard. Es geht in den detailierten Beschreibungen und Zustandserfassungen noch über jenes des Künstlerfreundes hinaus und ist ein mustergültiges Beispiel akribischer Graphikdokumentation. Was immer einen Mangel dieser unglaublich aufwändigen und detailreichen Untersuchungen aus dem 19. Jahrhundert war, ist im Falle Erhards inzwischen behoben: Das Verzeichnis liegt neu abgedruckt mit Abbildungen allers beschriebener Blätter vor. Dies macht die Handhabung des Verzeichnisses äußerst kompfortabel und darüber hinaus ermöglicht es dem Interessierten, problemlos ein Exemplar des Buches sein Eigen zu nennen, ohne lange antiquarische Recherchen. Dieser Nachdruck wurde 1996 durch uns herausgegeben und über den unten stehenden Link können Sie as Buch direkt hier im Shop erwerben.

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