Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

BLOG · KÜNSTLERBIOGRAFIE

Daniel Nikolaus
Chodowiecki

Der Radierer, der die Historienmalerei verfehlte und zum Chronisten des aufstrebenden Bürgertums wurde – über 2.000 eigenhändige Radierungen zwischen 1757 und 1801.

Aurelio Fichter·H. W. Fichter Kunsthandel·1726 Danzig – 1801 Berlin

Bildnis des Künstlers, bezeichnet „Daniel Chodowiecki, geb. 1726, gest. 1801“.
Bildnis des Künstlers, bezeichnet „Daniel Chodowiecki, geb. 1726, gest. 1801“.

Wie so viele andere Künstler auch, strebte Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) nach dem heiligen Gral der Kunst seiner Zeit: Der Historienmalerei. Die immer noch gültige Hierarchie der verschiedenen Kunstgattungen stellte die Historie (also z. B. die Darstellung religiöser Themen) an die Spitze, den Bodensatz bildete die Stilllebenmalerei, irgendwo dazwischen fand sich der Rest: Porträt, Landschaft und Genre. Wer was werden will, wird also Historienmaler, wer nichts wird, wird Stilllebenmaler. Chodowiecki selbst hatte keine klassische Ausbildung, vielmehr hat er sich das Meiste selbst beigebracht und erzielte seine ersten Erfolge als Emailbildchen- und Miniaturmaler für Dosen. Doch das genügte ihm nicht und so betrat er die breite öffentliche Bühne mit einem Knall: Sein Gemälde „Der Abschied des Jean Calas“ war der Versuch, zumindest zeitgenössische Historie zu betreiben und tatsächlich wurde das Bild hoch gelobt. Jean Calas war 1762 aufgrund eines Justizfehlers zum Tode verurteilt und erst 1765 postum rehabilitiert worden.

Der Fall erregte seinerzeit nicht nur Voltaire, sondern auch viele Bürger und so scheint neben den malerischen Qualitäten auch ein Hauch Politik zum Ruhm des Kunstwerkes beigetragen zu haben. Doch mit dem Bild begann nicht etwa Chodowieckis Malerkarriere. Vielmehr sorgte seine eigenhändige Umsetzung in die Radierung dafür, dass er weit und breit als hervorragender Graphiker erkannt wurde. Und wie bei Schauspielern, die in der Rolle ihres größten Erfolges stecken bleiben, war Chodowiecki fortan nicht mehr der Maler, sondern der Radierer. Sein Schaden war es nicht:

Ich wollte Maler sein, das Publikum wollte, daß ich Radierer sei. Nun wohl, ich bin es mehr denn je, und man ermutigt mich von allen Seiten, indem man mir alles zahlt, was ich verlange.

Chodowiecki fertigte von nun an fast ausschließlich Radierungen zu Romanen, Taschenkalendern und anderen Publikationen. Nebenher entstanden eigenständige Blätter aus unterschiedlichsten Themenbereichen, von zahlreichen Porträtzeichnungen und Illustrationsvorlagen für andere Künstler ganz zu schweigen. Bis zu seinem Tode 1801 waren das über 2.000 eigenhändige Radierungen. Historienmaler war er also nicht, doch zum „Raphael im Kleinen“ hat er es mit seinen meist kleinformatigen Radierungen geschafft.

Chodowieckis Karriere ist dabei programmatisch für die Zeit des Umbruches zwischen 1760 und 1800. Es ist die Zeit des aufstrebenden Bürgertums. Das besagt nichts anderes, als dass eine immer breiter werdende, weder extrem reiche noch existenzbedrohend arme Bevölkerungsschicht immer mehr Selbstvertrauen und Macht erhält.

Genau dieses Publikum bediente Chodowiecki durch das neue Statussymbol des aufgeklärten und selbstbestimmten Bürgers: Das Buch. Der inflationäre Anstieg des Buchdrucks verlangte nach einer adäquaten Form der Bebilderung und hierfür eignete sich keiner besser als der aus der gleichen Schicht stammende Chodowiecki, der sich selbst als Verkörperung dieses neuen Bildungsbürgerideals verstand.

Mit dem königlichen Hof hatte und wollte er nichts zu tun haben. Das Engagement für seinesgleichen war ihm stets wichtiger. Insofern ist Chodowiecki einer der ersten Künstler aus dieser neuen Mitte der Gesellschaft, wie sie für uns heute selbstverständlich ist, damals aber als neues Sozialphänomen begriffen wurde.

Diese neu gewonnene Freiheit, in der sich auch die fehlende akademische Ausbildung ins Positive drehte, ermöglichte dem Künstler auch in seiner Kunst gänzlich andere Perspektiven. Sein Publikum war nicht der Adel mit seinen oft eng geführten Moral- und Wertevorstellungen, sondern ein immer aufgeklärteres Bürgertum, das ein weites Spektrum von Interessen an den Tag legte, sei es nun religiös oder aufklärerisch, philosophisch ernst oder humoresk überzeichnet. In dieser selbstbestimmten Sphäre der Kultivierung war Chodowiecki nicht nur Chronist seiner Zeit, sondern durch seine Bilder maßgeblich an der Verbreitung der neuen Ideale beteiligt. In ihm verbindet sich auf das Glücklichste künstlerisches Talent mit aufklärerischem Willen und einem sicheren Gespür für die stets aktuellen Phänomene seiner Zeit. In dieser Kombination ist Chodowiecki ein Ausnahmekünstler von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Kunst. Auch wenn er heute naturgemäß nicht mehr jene Präsenz von damals genießt, so kann man ihn dennoch als stets pointiert witzigen, manchmal scharfzüngigen, auch gerne politischen, vor allem aber gesellschaftsanalysierenden Künstler entdecken, der Themen anspricht, die auch heute noch aktuell sind.

Einige Bemerkungen zu den hier präsentierten Graphiken

Die Werke der Finsternis
Die Werke der Finsternis
12 Blätter verschiedenen Inhalts, Probedruck
12 Blätter verschiedenen Inhalts, Probedruck
12 Blätter verschiedenen Inhalts
12 Blätter verschiedenen Inhalts

Chodowieckis Berühmtheit führte dazu, dass er für immer mehr Druckgraphiken für Kalender und Bücher angefragt wurde, sein Arbeitsfleiß und seine Hingabe an die Aufgabe dazu, dass er selten einen Auftrag ablehnte. So entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit ein beeindruckendes Werk, das in dieser Größe und Qualität seinesgleichen sucht. Allerdings hatte Chodowiecki bei der Illustrationsgraphik auf die Belange des Buchdrucks Rücksicht zu nehmen. Die Radierung, jene druckgraphische Technik, die Chodowiecki fast ausschließlich anwandte, erlaubte jeweils nur sehr wenige sehr gute, wenige gute und viele schlechte Abdrücke. Dieser Umstand liegt in der Weichheit des verwendeten Kupfers begründet, das als Druckplatte diente. Die teilweise hohen Auflagen im Buchdruck verlangten aber viele Abdrücke, weshalb die Platten häufig von anderen Künstlern nochmals kopiert wurden oder die Originalplatten „aufgestochen“, also nochmals nachbearbeitet wurden. Aus diesem Umstand entwickelte sich bei Sammlern von Druckgraphiken die Lust an der Jagd nach immer besseren Abdrücken, nach jenen ganz frühen ersten Abzügen, als die Platte zum ersten Mal eingeschwärzt und abgezogen wurde.

Später bediente Chodowiecki, ganz Sohn eines tüchtigen Kaufmanns, den Sammlermarkt ganz gezielt, indem er die Druckplatten am Rand mit sogenannten „Randeinfällen“ oder „Remarques“ versah. Ursprünglich dienten sie zum Testen der Ätzflüssigkeit und wurden daher vor dem eigentlichen Druck wieder abgeschliffen oder abgeschnitten. Chodowiecki aber entdeckte in ihnen die Möglichkeit, speziell für Sammler extrem seltene, teilweise unikate Druckwerke zu schaffen. Die Platten mit den „Remarques“ wurden nur einige wenige Male abgedruckt, dann abgeschliffen, teilweise mit neuen Randeinfällen versehen, dann wieder gelöscht und schließlich für den breiten Markt abgedruckt. So befeuerte Chodowiecki die Sehnsucht der Sammler nach seltenen Einzelstücken, die kein anderer hatte, was im Bereich der Druckgraphik ein seltener Fall ist. Blätter mit diesen „Remarques“ sind also nicht nur von besonderer Qualität, weil sie vor dem eigentlichen Drucklauf abgezogen wurden, sondern auch grundsätzlich sehr selten, weil es nur wenige Abzüge davon gibt (die genaue Zahl ist nicht zu bestimmen, aber es werden immer nur um die 10 bis 20 Abzüge sein). Gleichzeitig kann man sich sicher sein, einen Abzug von hervorragender Qualität in den Händen zu halten.

Zur Katalogisierung der Werke Chodowieckis

1-8. Blatt zur Geschichte der Bartholomäusnacht
1-8. Blatt zur Geschichte der Bartholomäusnacht
Portrait von Moses Wessely
Portrait von Moses Wessely
Pfarrer von Morkendorf bei Minchen & Die Verlobung Minchens
Pfarrer von Morkendorf bei Minchen & Die Verlobung Minchens
Der Bettelvogt
Der Bettelvogt

Die profunde Kenntnis über das druckgraphische Werk von Chodowiecki verdankt sich dem schier unglaublichen Fleiß Wilhelm Engelmanns. Er hat 1857 ein umfassendes und in seiner Detailliertheit unübertroffenes Verzeichnis aller Graphiken Chodowieckis zusammengestellt und zu fast allen Blättern die verschiedenen Druckzustände und weitere Informationen angegeben. Dieses Dokument bietet auch heute noch die Grundlage einer jeden Beschäftigung mit dem Künstler. Die bei uns angegebenen Nummern hinter dem „E“ beziehen sich auf die Nummerierung durch Engelmann. Die römischen Ziffern bezeichnen die jeweiligen Druckzustände, wie sie von Engelmann verzeichnet sind. 1982 wurde dieses Verzeichnis durch Jens Heiner Bauer vollständig illustriert und mit einer neuen Nummerierung versehen. Auf diese Bauer-Nummern wird verzichtet, da sie durch die von Bauer angeführte Konkordanz leicht nachzuschlagen sind.

Anbei noch kurze Erläuterungen zu einigen immer wieder auftauchenden Begriffen: Die Bezeichnung „Ätzdruck“ oder „Probedruck“ bedeutet, dass der Künstler diese Blätter für den eigenen Bedarf (z. B. zur Überprüfung der Qualität) abziehen ließ. Als die Nachfrage nach seinen Arbeiten immer größer wurde, ließ er mehrere Ätzdrucke abziehen und verlangte für diese den doppelten Preis als üblich, da sie von ausgesucht schöner Qualität waren und von Sammlern gesucht wurden. 1791 erwarb er eine eigene Presse und bezeichnete fortan häufiger die frühen Abdrucke selbst als Ätzdrucke.

Die bei Engelmann durch römische Nummerierungen differenzierten Zustandsdrucke unterscheiden sich häufig durch kleinere Veränderungen, die während des Druckprozesses noch an den Platten vorgenommen wurden. Diese frühen Zustandsdrucke gehören zu den besten Abzügen der jeweiligen Platten.

Werke von Daniel Nikolaus Chodowiecki im Shop

Text Aurelio Fichter

Literaturempfehlungen

  • Wilhelm Engelmann, Daniel Chodowieckis sämtliche Kupferstiche. Im Anhang Nachträge und Berichtigungen von Robert Hirsch. Nachdruck der Ausgaben Leipzig 1857 und 1906, Hildesheim 1969
  • Ausstellungskatalog Frankfurt am Main 1978: Daniel Chodowiecki 1726–1801. Bürgerliches Leben im 18. Jahrhundert, Städel-Museum Frankfurt am Main, Frankfurt 1978
  • Ausstellungskatalog Berlin 2000: „Die Natur ist meine einzige Lehrerin, meine Wohltäterin“. Zeichnungen von Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) im Berliner Kupferstichkabinett, hg. von Rebecca Müller, Berlin 2000
Newsletter

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und verpassen Sie keine Neuigkeit oder Aktion mehr aus unserem Shop.

zur Anmeldung
Höchste Qualität
Bei uns erwerben Sie nur Originale aus der angegebenen Zeit, keine Kopien oder Reproduktionen.
Besonderer Schutz
Alle Kunstwerke auf Papier sind durch ein spezielles Klapp-Passepartout aus Karton nach Museumsstandard geschützt.
Ein Monat Rückgaberecht
Alle Ihre Einkäufe können Sie innerhalb eines Monats kostenlos zurückgeben.
Schneller Versand
Alle unsere Kunstwerke und Bücher sind vorrätig und werden innerhalb von einem Tag nach Ihrer Bestellung verschickt.