Produktinformationen "Büste der Kassandra"
In den Jahren 1891/92 fertigte Max Klinger in Rom zahlreiche Gewandstudien zu einer Kassandra-Figur. Diese Gewandstudien zeigen, dass Max Klinger ursprünglich geplant hatte, eine ganzfigurige Kassandra oder zu mindest eine Figur im Kniestück zu gestalten. 1893 kehrt Max Klinger nach langjährigem Aufenthalt in Rom zurück in seine Heimatstadt Leipzig. Hier vollendete er am 23. Januar 1895 die polylithe Marmorskulptur der Kassandra.
Die Skulptur aus verschiedenfarbigem Marmor und Alabaster zeigt eine Kassandra in Halbfigur, deren leicht seitlich nach vorne gebeugter Oberkörper ein schreitendes Bewegungsmotiv andeutet.
Eine solch ganzfigurige Konzeption gemahnt an die poetische Beschreibung in Friedrich Schillers Gedicht „Kassandra“: „Freudlos in der Freude Fülle, / Ungesellig und allein, / Wandelte Kassandra stille / In Apollo’s Lorbeerhain.“ (Friedrich Schiller, Sämtliche Gedichte und Balladen, Frankfurt am Main und Leipzig, 2004, S. 171.)
1905, zehn Jahre nach Vollendung der polylithen Skulptur autorisierte Max Klinger den Guss einer Bronzebüste der Kassandra, deren Ausschnitt er eigens auswählte. Dieser Auftrag zeigt, dass der Künstler die Botschaft dieser Figur auch in der Büstenform verdeutlicht sah.
Seit 1903 stellte die Gießerei Gladenbeck in Berlin von Max Klinger persönlich autorisierte Bronzegüsse seiner Skulpturen ebenso wie Bronzereduktionen her. Aus dieser Gießerei stammt auch unser Exemplar der Kassandra-Büste. Es handelt sich dabei um eine vom Künstler autorisierte Verkleinerung. Max Klinger hat den Büstenausschnitt bestimmt und das Gussmodell eigens überarbeitet.
Dieses berührend tiefgründige Bildnis der Kassandra scheint ganz unmittelbar seinen Wert und Gehalt zu offenbaren und dennoch gleichsam der Vergangenheit ebenso wie der Zukunft anzugehören – anders als die polylithe Marmorskulptur, die studiert und verstanden werden möchte.
Mit der Büstenform macht der Künstler sich frei von jeglichem äußeren Bewegungsmotiv. Durch den eigenwillig knapp gewählten Ausschnitt betont Klinger die intellektuelle wie emotionale Aussage des Bildnisses. So stellt die Büste der Kassandra gleichsam eine Verdichtung der thematischen Aussage des Kunstwerkes dar, mit dem Max Klinger alle Tragik dieser antiken Frauengestalt zu vermitteln vermochte.
Niemand hörte auf die Warnungen Kassandras, der schönen Tochter des Priamos, die alleingelassen mit der tückischen Gabe der Vorhersehung, verflucht war, nur Böses, ja gar den Niedergang Trojas vorauszusagen. So schildert Friedrich Schiller in seinem Gedicht „Kassandra“ (1805) die Einsamkeit der Tochter des Trojanischen Königs. „Ich allein muß einsam trauern, /Denn mich flieht der süße Wahn, /Und geflügelt diesen Mauern / Seh ich das Verderben nahn.“ Einige Verse weiter schreibt Schiller: „Und sie schelten meine Klagen, / Und sie höhnen meinen Schmerz, / Einsam in die Wüste tragen / Muß ich mein gequältes Herz, / Von den Glücklichen gemieden, / Und den Fröhlichen ein Spott! / Schweres hast Du mir beschieden / Pythischer, du arger Gott!“ (Friedrich Schiller, Sämtliche Gedichte und Balladen, Frankfurt am Main und Leipzig, 2004, S. 171-172.)
Unsere kleine Bronzebüste zeigt in höchstem Maße die Einsamkeit und Qual, welche diese wunderschöne kluge Frau erleiden musste. Die nach vorne links geneigte Kopfhaltung bestimmt die Blickrichtung der wissenden Augen, die nichts Schönes erblicken, nur Unheil sehen. Auf dem Antlitz der Kassandra spiegeln sich Stolz und Trauer gleichermaßen - ein Zwiespalt, der von höchster innerer Bewegtheit kündet.
Max Klinger verdeutlicht mit seiner Darstellung der Kassandra das Tragische dieser emblematischen Frauengestalt. Ihr Wissen und ihre Schönheit konnten ihr nicht zu Anerkennung oder Macht gereichen. Dass sie nicht gehört wurde, nicht verstanden wurde führte sie schließlich in schmerzliche Vereinsamung, in der sie aber nicht ihre von ihrem Wissen und ihrem Stolz abließ. Von dieser einsamen Trauer und dem unbeugbaren Stolz der Kassandra, „Priams schöner Tochter“ kündet diese Büste Max Klingers aufs Eindringlichste.