Produktinformationen "Clärchen Pfeiffer mit Kappe"
Direkt und regungslos blickt uns eine junge Frau entgegen, die lediglich in ihren angespannten Mundwinkeln den Anflug eines zurückgehaltenen Lächelns erhaschen lässt. Harte Konturlinien und starke Kontraste verleihen ihren markant erfassten Gesichtszügen eine kühle, geheimnisvolle Aura. Noch stärker als der geradezu hypnotische Blick der Dargestellten fällt freilich deren ausgeprägtes Modebewusstsein ins Auge. Denn der Anschein haptischer Präsenz geht vor allem von dem plastisch in den Bildraum ausgreifenden Kranz wohl textiler Blätter aus, mit dem ihre extravagant zu nennende Haube besetzt ist. Zwar sind die großen Blätter nur skizzenhaft umrissen, unterlegt sind sie jedoch mit Bündeln kurzer breiter Striche, die harte Schatten erzeugen. Feinere, um die Konturen gebogene Schraffuren und Weißhöhungen wiederum differenzieren die schimmernde Gesichtshaut und die äußerst präzise gearbeiteten, hintergründig leuchtenden Augen von den freier gezeichneten Bereichen. Insgesamt suggerieren diese zeichnerischen Mittel einen Hyperrealismus, der für die Optik der Neuen Sachlichkeit kennzeichnend ist. Schon darin zeigt sich die zwischen Historismus und Impressionismus ausgebildete Porträtistin, welche den Kunstgeschmack ihrer zumeist konservativen Auftraggeber mit malerischer Qualität, nicht mit Innovationen bedient haben soll, zu Beginn der 1920er Jahre vollkommen auf der Höhe der Zeit. Dies verdeutlicht ein Vergleich mit Roedersteins Gemälde Grüne Kette aus dem gleichen Jahr, das ebenfalls Clärchen Pfeiffer darstellt (Vgl.-Abb.). Auch hier erhält das in ein schlichtes grünes Kleid gehüllte Modell, dessen Exaltiertheit im nervösen Spiel der Hände zum Ausdruck kommt, eine mondäne Anmutung; hingegen sind Direktheit und Härte der Darstellung im Verhältnis zur Zeichnung zurückgenommen. Es handelt sich folglich bei unserer Zeichnung um eine im Umfeld des Gemäldes entstandene Studie, die eine alternative Sichtweise öffnet. Ihre eigene Qualität rührt von einer gegen die Konventionen des weiblichen Porträts gerichteten Herbheit her, die für Roedersteins Werk charakteristisch ist. Stärker als im Gemälde entspricht Clärchen Pfeiffer damit dem Bild der Neuen Frau der 1920er Jahre - allerdings nicht in der Überspitzung der maskulinen Roedersteinschen Selbstbildnisse, sondern in der Eleganz, mit der uns die Protagonistinnen etwa in den Berliner Porträts von Christian Schad entgegentreten. Die helmartig das Haar verbergende, zugleich spektakuläre Haube erinnert an den Typus der Garçonne, doch schon die mimische Reduktion genügt als Anspielung auf jenen Habitus, den in der Kunst und Modeikonographie der Zeit auch Hosen und Zigarettenrauchen signalisieren. Man hat Einschätzungen, welche der Künstlerin eine psychologische Auseinandersetzung mit ihren Porträtmodellen absprachen, mit Verweis auf ihre einfühlsamen Kinderbilder zurückgewiesen. Jedoch zeigt sich ein aufgeklärtes Verständnis künstlerischer Empathie noch stärker in Roedersteins Behandlung einer Kundin, zu der sie mindestens soziale Affinität gespürt haben mag, und die sie gerade deshalb in dem gewählten Modus der Entfremdung durch kühle Versachlichung adäquat zu repräsentieren vermochte. In der Tat integrierte die lokal und international gut vernetzte Künstlerin modernistische Impulse stärker in ihr Schaffen, als dies manche Interpreten gesehen haben. Umgekehrt näherten das Auftauchen der Neuen Frau und die Rückkehr zu geschlossenen Formen und klaren Konturen die Kunst der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg den längerfristigen Eigenheiten in Roedersteins Werk an, die in ihren Selbstbildnissen und Bildnissen von Maler-Kolleginnen früh greifbar werden. Unsere Zeichnung belegt, dass diese Tendenzen überzeugend konvergieren konnten. |up|