Der grosse Calas
»Der grosse Calas« ist ein Werk von Daniel Nikolaus Chodowiecki aus dem Jahr 1767, ausgeführt als Radierung auf Papier und misst 29,8 x 42,5 cm.
Abdruck des zweiten Zustandes. Dem Mönch fehlt der Rosenkranz in der Hand und statt des Käppchens ist nun seine Tonsur zu sehen. Außerdem ist bereits die Jahreszahl im Unterrand von 1767 in 1768 geändert. In einem gewölbten, durch eine her… weiterlesen ›
In einem gewölbten, durch eine herabhängende Laterne beleuchteten Kerker sitzt Calas in der Mitte nach Rechts gewendet und tröstet seine Kinder, von denen die eine Tochter Links zu seinen Füssen kniend ihn umfasst, während die zweite, welche neben ihm steht, ihn trauernd umfassend, ihr Haupt an seinen Kopf lehnt; vor dieser der Sohn, die ausgestreckte rechte Hand des Vaters küssend, dessen linke Hand nach der Mutter hinweist, um diese der Kinder fernerer Liebe zu empfehlen. Rechts kniet der Kerkermeister, neben dem ein grosses Bund Schlüssel liegt, und öffnet an dem rechten Fusse des unglücklichen Opfers der Justiz das Schloss der Kette. Rechts nach hinten sitzt die ohnmächtig gewordene Gattin in einem Korbsessel, vor welchem ein runder Tisch steht mit aufgeschlagenem grossen Buche und Brille. Der Freund der Familie, der junge Lavaysse, giesst stärkendes Wasser auf ein Tuch, welches die alte treue Magd Johanne Viguiere in der Hand hält. Links zur geöffneten Kerkerthüre, an deren Seiten zwei Soldaten stehen, treten zwei Mönche herein, von welchen bei dem hintersten nur der Kopf sichtbar ist. (Engelmann 1857, S. 34f.)
Jean Calas, ein Tuchhändler aus Toulouse, wurde im Jahre 1761 beschuldigt, seinen zum Katholizismus konvertierten Sohn ermordet zu haben. Was man nicht wusste: Der Sohn hatte Selbstmord begangen. Calas aber wurde 1762 in einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt. Dieser Justizirrtum sorgte in ganz Europa für Aufregung. Die zwei Jahre nach der Hinrichtung erfolgte Begnadigung brachte lediglich der Familie das eingezogene Vermögen des Vaters zurück.
Chodowieckis Darstellung des Themas gehört zu seinen berühmtesten Graphiken und hatte maßgeblich Anteil an seinem stetig steigenden Erfolg als Künstler.
Chodowiecki praktiziert in diesem Bild etwas, das ihn auch sein restliches Leben lang anleiten sollte. Er studierte die Realität, um eine möglichst wahre und berührende Bild-Realität zu schaffen. Für die Darstellung des Calas besorgte er sich alle zugänglichen Akten und zeigte Gesichter, Körper und Kleidung so realitätsnah wie nur möglich. So sind zum Beispiel die unförmigen und wenig konturierten Beine Calas' kein Unvermögen des Künstlers, sondern sie entsprechen den tatsächlich durch Gicht entstellten Beinen des Franzosen. Chodowiecki legte also größten Wert auf eine sofort nachvollziehbare Realität. Das hinderte ihn freilich nicht daran, die ganze Abschiedsszene selbst frei zu erfinden, denn sie hat nachweißlich so nie stattgefunden. Aber auch dies zeichnet ein gutes Historienbild aus: Es soll nicht, wie später eine Dokumentationsfotografie, den wirklichen Tatbestand detailgetreu wiedergeben, vielmehr soll die Situation so real wie möglich erfahrbar gemacht werden. Realitätsverschiebungen zugunst des großen Zusammenhangs sind da erlaubt.
Werkangaben
Werkbeschreibung und Zuschreibung: H. W. Fichter Kunsthandel, Frankfurt am Main
- Künstler
- Daniel Nikolaus Chodowiecki
- Technik
- Radierung
- Ausführung
- Radierung auf Papier
- Jahr
- 1767
- Epoche
- Klassizismus
- Darstellung
- Genre
- Signatur
- unten rechts signiert und datiert: "Inv: peint & Gravé par D. Chodowiecki â Berlin. 1708"; unten mittig bezeichnet: "LES ADIEUX DE CALAS, A. SA FAMILLE./je crains Dieu..............et n'ai point d'autre crainte. Racine Trag. d'Athalie"
- Werkverzeichnis
- E 48 II 2c/c
Maße
- Werk
- 29,8 x 42,5 cm
- Angabe
- Weitere Größen: Papier: 33,3 x 43,0 cm
Zustand
Sehr guter Zustand. Knapp innerhalb der Plattenkante beschnitten. Kleiner restaurierter Randeinriss rechts mittig.
Daniel Nikolaus Chodowiecki
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