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Es ist schon eine rätselhafte Nüchternheit, die dem Betrachter in dieser Ölskizze präsentiert wird. Von der Opulenz niederländischer Stilllebenmalerei ist Otto Scholderer hier weit entfernt, auch wenn er sich sonst gerne an dieser Malerei orientierte. Der sterile Hintergrund macht die Darstellung des toten Vogels zu einer Zurschaustellung. Was kann der Sinn einer solchen Betrachtungsweise seines malerischen Gegenübers sein?
Vermutlich kommt man dem Bild am besten bei, wenn man es nicht als Darstellung von Etwas, sondern als Darstellung von Darstellungsmöglichkeiten sieht. Das soll bedeuten, dass der gemalte Gegenstand wenig mehr als ein Vorwand für die Möglichkeiten der Malerei ist, sehen als Vorgang, als "Sehakt" zu begreifen. Das ist ein genuin moderner Anspruch an Malerei, wie er wohl am ehesten in der abstrakten Malerei formuliert und auch dort akzeptiert wird. Das heißt aber nicht, dass die Abstraktion von der Abbildhaftigkeit nicht schon früher eingesetzt hätte. Cézanne oder Monet sind wohl die ersten Maler, die einem einfallen, wenn es darum geht, Malerei als Offenlegung von Sehprozessen zu verstehen. Das "Was" der Darstellung weicht dem "Wie". Das Bild ist nicht länger Informationsträger für die Darstellung, zeigt nicht mehr auf das Objekt und damit über sich selbst hinaus, sondern wird selbst Darstellung. Einer der wichtigstens Vordenker der modernen Malerei, Conrad Fiedler, hat das wie folgt formuliert: "Höre auf, bei der Produktion eines Bildes die sichtbare Wirklichkeit interpretieren zu wollen und versuche stattdessen, das Schaffen eines Bildes als das Bauen eines Gegenstandes zu verstehen, auf dem die Sichtbarkeit zu einer selbständigen Form des Seins wird!"
Die Sichtbarkeit als selbständige Form des Seins: Was sich erst kryptisch anhört, wird bei längerer Betrachtung unseres Bildes langsam verständlich. Denn auch dieses Bild ist ein Mosaikstein im großen Bild der Abstraktion, dass sich über viele Jahrzehnte langsam aber beharrlich selbst zusammensetzt. Immer dann, wenn einem Maler der dienende Aspekt der Malerei suspekt wird und er seine Kunst nicht als Nachhall jenes mimetischen Spiels zwischen Zeuxis und Parrhasisus verstanden wissen will, in dem es nur darum ging, wer täuschend echt malen konnte, erstrebt die Malerei einen Status, der von der Nachahmung zur Schöpfung wechselt. Und so ist es auch hier. Zwar verwendet Scholderer noch einen Schattenwurf, um die Plastizität des Objekts zu betonen, doch wie sein Kollege Karl Schuch oder andere Maler aus dem Leibl-Kreis auch, entbehrt die Darstellung an sich jegliche Legitimation, es sei denn man versteht sie als Experimentierfeld für Farben und Formen, die im Zusammenklang ein Bild erst entstehen lassen und somit den Betrachter auf den Prozess der Bildwerdung selbst hinweisen. Es ist diese Faszination für die Möglichkeiten von Farben und Formen als eigenständige Materie, die in der Moderne schließlich zum bestimmenden Thema wird und dies nicht nur in der Malerei.

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1 Zit. nach: Wiesing 1997, S. 167.

Werkangaben

Werkbeschreibung und Zuschreibung: , Frankfurt am Main

Künstler
Otto Scholderer
Technik
Öl
Ausführung
Öl auf Papier auf Karton
Epoche
Realismus
Darstellung
Stillleben
Signatur
unten links monogrammiert: "OS"

Maße

Werk
27 x 18,7 cm (Darstellung)
Angabe
44,5 x 36 cm (Rahmengröße)

Zustand

Insgesamt guter, restaurierter Zustand mit kleineren Retuschen.

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