Wolkenstudie
»Wolkenstudie« ist ein Werk von Johann Georg von Dillis aus dem Jahr um 1810, ausgeführt als Weiß gehöhte Kreide auf Papier und misst 21,3 cm x 26,6 cm.
Für Johann Georg von Dillis, der sein Leben zu gleichen Teilen in zwei Jahrhunderten verbrachte, hatten farbige Papiere als Zeichengrund seit jeher eine besondere Bedeutung. Bereits in den 1790er Jahren erprobt, begann er seit etwa 1810/20 … weiterlesen ›
Für Johann Georg von Dillis, der sein Leben zu gleichen Teilen in zwei Jahrhunderten verbrachte, hatten farbige Papiere als Zeichengrund seit jeher eine besondere Bedeutung. Bereits in den 1790er Jahren erprobt, begann er seit etwa 1810/20 bevorzugt auf blauem Papier mit schwarzer und weißer Kreide zu zeichnen. Unter diesen Blättern ragen seine Wolkenstudien heraus, die neben seinen Ölskizzen seinen Beitrag zur internationalen Moderne um 1800 ausmachen. Zeitgleich etwa mit John Constable oder Jean-Baptiste Camille Corot widmete sich Dillis einem meteorologischen Phänomen, das gleichermaßen in Kunst und Wissenschaft – vor allem durch die Publikationen des englischen Meteorologen Luke Howard und Goethes – auf vielfältiges Interesse in ganz Europa stieß.
Zumeist aus dem Fenster seines Münchner Amtszimmers im Geschoss über den Hofgartenarkaden – sein Dienstsitz als Inspektor der Hofgartengalerie – richtete Dillis seinen Blick auf die Flüchtigkeit der am Himmel ziehenden Wolken, neben denen häufig die Türme der Theatinerkirche ins Bild kommen. Es gehört zu seinen großen Leistungen, diesen vergänglichen Himmelserscheinungen – ohne jeden Sinngehalt – bleibende Bildgestalt verliehen zu haben; allein der Naturbeobachtung verpflichtet, erschöpfte sich das Motiv für ihn nie, weil es sich ihm zu jeder Tages- und Jahreszeit im Wechsel von Licht, Stimmungen und atmosphärischen Erscheinungen immer wieder aufs Neue darbot.
Seine Wolkenstudien sind Dokumente eines flüchtigen, aus der Beobachtung der Natur gewonnenen Moments, dem der stetige Wechsel von Gestalt und Form eigen ist – sie sind gleichsam die zeichnerische „Formung des Formlosen“, wie es Goethe ausdrückte. Die dabei verwendeten Zeichenmittel – schwarze und weiße Kreide auf blauem Papier – ermöglichten ihm die erforderliche schnelle Arbeitsweise. Während „die poröse Kreide auf dem rauh gerippten Papier zarte Übergänge [schuf], wie sie denen der Wolkengebilde entsprechen“, spiegelte der blaue Zeichengrund das Firmament, den endlosen Himmel wider. Die ausgefranste, unregelmäßige Silhouette des Papiers ergibt dabei keine klare Umrandung – der Umriss des Zeichengrundes bleibt in Bewegung, verändert sich und wird wie der Himmel entgrenzt.
Dillis hat die durchgefärbten Papierbögen meist in der Mitte geteilt und die Trennlinie als oberen Rand verwendet, so dass die Ränder links und rechts sowie unten den unregelmäßigen Schöpfrand des Büttens zeigten. Für unser Blatt hat Dillis dagegen einen Bogen verwendet, den er geviertelt hat, so dass der Schöpfrand nur links und oben sichtbar ist.
Oft finden sich auf den Wolkenstudien Angaben zu Ort, zur Uhrzeit oder Wettersituation, vereinzelt auch Farbnotizen. Auf unserem Blatt hat Dillis am unteren Rand notiert: „aufsteigendes Gewitter im eigenen Garten“ – von rechts beginnen dunkle Gewitterwolken ins Bild zu drängen. Es dürfte nicht in München, sondern im Voralpenland entstanden sein – links neben dem Haus erstreckt sich, sich in zarten schwarzen Schraffuren vom blauen Grund abhebend, am unteren Rand in der Ferne ein Gebirgszug. Die Gelegenheit, das aufsteigende Gewitter im Bild zu bannen, bot sich Dillis offensichtlich anlässlich eines seiner zahlreichen Besuche bei seinen Verwandten oder seines Elternhauses in Gmain bei Schwindkirchen, worauf nicht zuletzt die Angabe „im eigenen Garten“ deuten dürfte. (Text: Peter Prange)
Werkangaben
Werkbeschreibung und Zuschreibung: H. W. Fichter Kunsthandel, Frankfurt am Main
- Künstler
- Johann Georg von Dillis
- Technik
- Kreide
- Ausführung
- Weiß gehöhte Kreide auf Papier
- Jahr
- um 1810
- Epoche
- Romantik
- Darstellung
- Landschaft
- Signatur
- Unten mittig eigenhändig bezeichnet: "aufsteigendes Gewitter im eigenen Garten".
Maße
- Werk
- 21,3 cm x 26,6 cm
Zustand
Sehr guter Zustand. Originalzustand, schwach staubfleckig, mit einer alten Quetschfalte im oberen rechten Bereich, links oben kleineren Wellen und einer Druckstelle im Papier im unteren Rand.
Johann Georg von Dillis
Deutscher Maler, Zeichner, Radierer, Lehrer und Galeriedirektor, geboren am 26. Dezember 1759 in Gmain bei Dorfen, gestorben am 28. September 1841 in München. Ältester Sohn eines Revierförsters, studierte er zunächst Theologie in Ingolstadt und empfing 1782 die Priesterweihe; 1786 ließ er sich vom geistlichen Dienst dispensieren und studierte an der Münchner Zeichnungsakademie bei Ignaz Oefele und Johann Jakob Dorner dem Älteren. Den Lebensunterhalt verdiente er mit Zeichenunterricht in adeligen Familien und fand darüber Zugang zur Münchner Hofgesellschaft. Graf Rumford förderte seine Begabung für die Landschaft und beauftragte ihn, die bayerischen Gebirgsgegenden aufzunehmen. Ab 1794/95 unternahm er zahlreiche Italienreisen, daneben Reisen nach Prag, Dresden und Wien.
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