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Dem Historismus haftet trotz einer zwischenzeitlich in der Wissenschaft weit fortgeschrittenen Revi­sion immer noch das Etikett der Ideenlosigkeit an. Man sieht in ihm all zu oft einen Stil, der sich beliebig aus den Spolien der Vergangenheit bedient und die Versatzstücke wie Doktor Frankenstein zu unförmigen Mischwesen zusammensetzt, die aus sich heraus nicht lebensfähig sind. Alles ist Dekor, alles ist Oberfläche, Glanz und Täuschung. Aber ganz so einfach ist es nicht. Die Stilpluralität des Historismus speist sich aus einer Melange aus Legitimation durch historische Rückgriffe, Aufbegehren einer erstarkten Bürgerschicht, künstlerischer Aufbruchsstimmung und vielem mehr. Der Verlust der Einheitlichkeit, der Verlust der Ordnung und des stabilisierenden Gerüsts ist nicht nur als Rückschritt in eine 'wilde' Vorzeit zu sehen, sondern auch als eigentlicher Nukleus einer Moderne, die damit beginnt, dass sie so viel von Allem auf den Tisch lädt, bis dieser zusammenbricht und im Zusammenbruch jene Öffnung für das Neue schafft. Aus heutiger Sicht sollte der Historismus mit seiner Offenheit, hohe Kunst mit Kitsch, Alltag mit Außergewöhnlichem oder Einfachheit mit Erhabenheit zu vermählen, eigentlich nicht mehr erstaunen. Vielmehr wird man in ihm wohl einen Vorläufer jenes 'anything goes' sehen können, das heute Grundlage für eine Freiheit der Kunst ist, die es vorher so noch nie gegeben hat. Unser eindrucksvolles Bild von August von Bayer ist ein Paradebeispiel jenes Historismus, der Unverfänglichkeit durch Überfrachtung erzeugt. Doch wie so oft ist es auch hier der zweite Blick, der einen stutzig macht. Zuerst scheint alles klar: Klostergewölbe, Nonnen, Katzen, schöne Aussicht etc. Das klingt alles nach historistischem Collage-Kitsch. Welche Tiefen aber eröffnen sich beim näheren Hinsehen? Am auffälligsten sind die Protagonistinnen des Bildes: Beide Nonnen schauen einem Schmetterling zu, der sich gerade auf dem Finger der einen niedergelassen hat. Behält man dabei noch die Lilie am linken Rand im Blick, so ergibt sich ein ikonographisches Geflecht, das die vermeintlich einfache Oberfläche des Bildes wieder aufbricht. Denn die Lilie steht in der christlichen Ikonographie für die Reinheit Mariens, aber eben auch für die Verkündigung und damit für die unbefleckte Empfängnis. Der Schmetterling wiederum ist ähnlich ambivalent: Er taucht sowohl im erotischen Kosmos von Amor und Psyche auf1, findet sich aber gerade im 19. Jahrhundert in der Sepulkralkultur als Auferstehungssymbol wieder. Hier verknüpfen sich also christliche Symboliken von Marias Empfängnis mit erotischen Motiven, die Liebe und Tod verbinden.2 Der wasserspeiende Schwan unter dem Schmetterling, der mit dem ihn bändigenden Putto unweigerlich an die Geschichte der Leda denken lässt, trägt seinen Teil zu dieser Lesart bei. Der sonnenbeschienene Ausblick auf eine 'freie' Landschaft, heraus aus dem erdrückenden Gemäuer, mag dann in dieser Deutung ebenfalls seine Rolle spielen. Damit offenbaren sich Ebenen in diesem Bild, die der vermeintlichen Oberfläche ein nachdenkenswürdiges Relief verleihen. --- 1?? Canovas Skulptur mit den beiden aufrechtstehenden Liebenden aus dem Louvre in Paris mag unserem Bild am nächsten kommen. 2?? Die Verknüpfung von Tod und neuem Leben durch den Schmetterling findet sich z.B. bei Caspar David Friedrich oder Max Klinger.

Werkangaben

Werkbeschreibung und Zuschreibung: , Frankfurt am Main

Technik
Öl
Ausführung
Öl auf Leinwand
Jahr
1862
Signatur
monogrammiert und datiert unten links: "AvB 1862."

Maße

Gesamt
Leinwand: 130.0 cm x 110.0 cm, Weitere Maße: 130 x 110 cm

Zustand

Sehr guter, gereinigter Zustand. Keine Beschädigungen.

August von Bayer

1803 – 1875·Deutschland·19. Jahrhundert

Geboren am 3. Mai 1803 in Rorschach (St. Gallen)/Schweiz, ab 1818 Architekturstudium bei Julius Stadler in Zürich, dann bei Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe und Paris, danach in München und seit 1828 als Architekturmaler tätig (Schüler von Friedrich von Gärtner und Georg Wilhelm Issel), 1839 Umzug nach Baden-Baden und Gründung des Badischen Altertumsvereins 1844, 1852 Ernennung zum Hofmaler, ab 1853 Landeskonservator für badische Kunstdenkmäler, widmete sich neben seinen konservatorischen Aufgaben in seinen Bildern hauptsächlich Innenansichten von Kirchen und Klöstern und betonte dabei besonders die Lichteffekte, gehört zu den wichtigsten Architekturmalern des 19. Jahrhunderts in Deutschland, verstorben am 2. Feburar 1875 in Karlsruhe.

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