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Die Protagonisten in den Bildern Richters haben stets einen eigenartigen Zug an sich: Sie nisten sich ein. Ein kleiner Teil der Welt wird von ihnen okkupiert, sie machen ihn sich zu eigen. Ob es nun italienische Bauern, Dresdner Kinder oder, wie in unserem Fall, isolierte Personen sind: stets haben sie sich im Partiellen einen eigenen Platz geschaffen. Ist die romantische Ausprägung Friedrichs durchwuchert von einer pantheistisch umschließenden Naturmystik, welche die Beziehung zwischen Mensch und Natur unter der Voraussetzung der Trennung untersucht, so kehrt sich dies bei Richter in eine Lösung der inhärenten Spannung. Richters Personal findet sich selbst in einem Raum, der beherrschbar erscheint. Sollte die Überwältigung der menschlichen Existenz durch die Naturerfahrung zu einem neuen Bewußtsein führen, so sieht man bei Richter eben diese Erfahrung ins Menschliche überführt. Der Mensch weiß um seine Position innerhalb des Weltgefüges und sein Dasein im übermächtigen Naturrahmen. Dennoch kapituliert erechts nicht, sondern schafft sich eine Umwelt, die ihm eine Sicherheit der Existenz durch vergleichbare Bezugsgrößen ermöglicht. In unserem Blatt ist dieser Aspekt auf besonders interessante Weise thematisiert. Die junge Hirtin hat sich in einem Stück Natur eingerichtet, das sich durch die wuchernden Wurzeln, das abgebrochene Erdreich und den Wechsel zwischen hell hervortretenden und dunkel zurückspringenden Partien selbst individualisiert und sich von der Monumentalität entfernt. Der Blick der Hirtin schweift zwar noch mit dem Sehnsuchtsblick der Eichendorffschen Dichtung in die Ferne, doch diese ist größtenteils verdeckt von dem, was die Hirtin bereits hat. Das Ersehnte ist zwar noch vorhanden, doch soweit zurückgetreten und -gedrängt, daß es gegenüber dem Partiellen, das man sich zu eigen gemacht hat, seine Wirkung verliert. So ist zwar der Blick der Frau aus dem Partiellen hinaus gerichtet, der Hund jedoch blickt zurück in Richtung Heimat, zu dem, was ist und nicht zu dem, was sein könnte. Die Natur ist nicht mehr menschlicher Gegenpol. Auch ist sie noch nicht der Zufluchtsort vor einer dem Menschen grundsätzlich fremden Städtigkeit, noch Amüsement naturfremder, "moderner" Menschen. Vielmehr läßt sich von einer Harmonie, einer Aussöhnung sprechen. Natur wird bei Richter als Teil des Menschen begriffen, der weder Revolution noch blinde Ergebenheit evoziert.

Werkangaben

Werkbeschreibung und Zuschreibung: , Frankfurt am Main

Technik
Aquarell
Ausführung
Aquarell über Federzeichnung auf Papier
Jahr
um 1830
Epoche
Romantik
Darstellung
Landschaft
Signatur
Oben rechts eigenhändig bezeichnet

Maße

Werk
Papier: 14,4 cm x 22,4 cm

Zustand

Guter Zustand. Kleiner restaurierter Einriss oben rechts, leichter Lichtrand. Papier leicht gebräunt.

Zu sehen in Ludwig Richter

Ludwig Richter

1803 Dresden – 1884 Dresden·Deutschland·19. Jahrhundert
Ludwig Richter (1803–1884) zählt zu den bedeutendsten deutschen Illustratoren und Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts. Als Professor an der Kunstakademie Dresden prägte er die romantische Landschaftsmalerei und förderte junge Künstler mit einer feinfühligen, naturverbundenen Sichtweise. Nach einer Studienreise nach Italien schloss er sich dem Kreis der Romantiker an und fand Inspiration in der Natur und der zeitgenössischen Literatur. Seine Werke sind von einem idealisierten Blick auf Landschaften und Alltagszenen geprägt, die oft eine friedliche, heimatliche Atmosphäre vermitteln. Durch seine Lehrtätigkeit in Dresden hinterließ er eine bleibende Spur in der Kunstwelt und beeinflusste Generationen von Schülern. Richters Liebe zur Natur und seine kritische, präzise Beobachtungsgabe machen ihn bis heute zu einer faszinierenden Figur der deutschen Romantik.
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