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Im Jahr 1893 hatte Edvard Munch in einem Brief an seinen Freund Johan Rohde über die deutsche Kunst allgemein ein eher abwertendes Urteil gefällt, doch auch einzelne Künstler hervorgehoben: „z. B. Arnold Böcklin, der, soweit ich sehe, über alle neuzeitlichen Künstler emporragt – Max Klinger – Hans Thoma – Wagner unter den Musikern – Nietzsche unter den Philosophen“. Die Nennung Böcklins und Thomas in einem Atemzug mag heute überraschen, doch galten beide um 1900 als Begründer des deutschen Symbolismus. Welche Rolle sie im deutschen Kunstgeschehen spielten, wird auch daran ersichtlich, dass beide 1905 Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen Julius Meier-Graefe, dem Wegbereiter der Moderne in Deutschland, und Henry Thode, dem Biographen Thomas, über die Frage waren, was in der deutschen Kunst modern sei.
Die Verbindung Thomas zu Böcklin währte da schon lange; ihn hatte Thoma 1872 in München kennengelernt, und er fühlte sich von dessen mythischen Wesen, den Meerwesen, Faunen und Sirenen, die seine Gemälde bevölkern, durchaus angezogen. Besonders nachdem Thoma München verlassen und sich 1877 endgültig in Frankfurt niedergelassen hatte, häuften sich in seinem Werk Meerwesen, die ähnlich wie bei Böcklin die ursprüngliche Einheit von Mensch und Natur symbolisieren. Angeregt durch Böcklin, hat Thoma Meerweiber, Tritonen und Delphine zum Thema seiner symbolistischen Bilderwelt gemacht, ohne allerdings dessen bedeutungsschwere Tiefe zu erreichen.
Thode hatte diese dem Reich des Wassers zuzuordnenden Motive als „Phantasien“ bezeichnet. In dieses Reich der Phantasie gehört auch das Blatt mit dem Zug Neptuns – ein der klassischen Mythologie entlehnter Gegenstand, der sich in der Antike und auch in der Neuzeit wiederholt großer Beliebtheit erfreut hatte. Thoma zeigt den Zug der Nereiden mit Neptun und der halbnackten Amphitrite auf dem Muschelwagen zu ihrer Hochzeit als klassische, durchaus altmeisterlich inspirierte Komposition. Der Wagen wird gezogen von zwei Wasserrossen und begleitet von einem in ein Horn blasenden Tritonen im Vordergrund sowie mehreren Putten. Das nicht ganz zu Ende geführte Blatt besticht durch seine zeichnerische Spontaneität, mit der das Geschehen skizzenhaft erfasst ist – die verschiedenen virtuos verwendeten Zeichenmaterialien wie Feder, Pinsel, schwarze und rote Kreide geben dabei einen einzigartigen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers.
Das Blatt steht im Zusammenhang mit Thomas großformatigen, 1879 entstandenem Gemälde Neptunszug, das sich zu Thodes Zeiten im Besitz des Kommerzienrates A. Pfeilstücker in Freiburg befand, doch heute verschollen ist. Thomas Zeichnung ist weniger finale Vorzeichnung als eine erste Ideenskizze zur Komposition; um weitere, ebenfalls noch nicht finale Entwürfe zu dem Gemälde dürfte es sich bei zwei in der Technik übereinstimmende Blätter handeln – eines befand sich ehemals im Besitz des Kunsthändlers Victor Rheims, während das andere kürzlich im Kunsthandel angeboten wurde. Thoma hat es Jahre später, 1912 und 1913, als Vorlage für seine Radierung Neptunszug verwendet. (Text: Peter Prange)

Werkangaben

Werkbeschreibung und Zuschreibung: , Frankfurt am Main

Künstler
Hans Thoma
Technik
Bleistift
Ausführung
Tusche über Bleistift auf Papier
Jahr
um 1880
Darstellung
Mythologie
Signatur
Unten rechts signiert: "Hans Thoma".

Maße

Werk
25,7 cm x 39,0 cm

Zustand

Sehr guter Zustand. Am Rand unregelmäßig beschnitten. Ganz leichte vertikale Mittelfalte. Schwach gebräunt und etwas staubfleckig.

Zu sehen in Gezeichnete Kunst 21

Hans Thoma

1839 Bernau – 1924 Karlsruhe·Deutschland·19. und 20. Jahrhundert
Deutscher Maler und Grafiker, der als zentrale Figur des deutschen Spätromantizismus und Symbolismus gilt. Seine Werke verbinden idealisierte Naturdarstellungen und mythologische Motive mit einer schlichten, zeitlos wirkenden Formensprache.
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