Die Entdeckung des Malers Christian Friedrich Gille aus Dresden, der erst in letzter Zeit mit seinen Ölskizzen und -studien auf dem Kunstmarkt beachtliche Erfolge feiert, liegt schon über ein Jahrhundert zurück, doch war sie zwischenzeitlich wieder in Vergessenheit geraten. Es war der in Bremen gebürtige Jurist Johann Friedrich Lahmann, der sich nach seinem Umzug 1906 nach Dresden ganz seinen schöngeistigen Neigungen gewidmet hatte. Neben eigenen Bemühungen um die Gesangs- und Dichtkunst stand sein Wirken als Kunstfreund und -sammler im Mittelpunkt, der sein Augenmerk auf die deutsche Malerei der Romantik und des frühen Realismus gerichtet hatte. In seiner Sammlung, die er nach seinem Tod 1937 teilweise den Museen in seiner Heimatstadt Bremen und in Dresden vermacht hatte, befanden sich neben bedeutenden Arbeiten der Dresdner Malerei um und nach 1800 auch annähernd 400 Werke von Gille, vornehmlich Ölstudien und Gemälde. Mit untrüglichem Gespür hatte Lahmann bereits damals die besonderen malerischen Qualitäten von Gille erkannt, der von Zeitgenossen sonst unbeachtet blieb. Den überwiegenden Teil seines Schaffens machen Landschaftsskizzen in der Nachfolge seines Lehrers Johan Christian Dahl aus, die Gille vor der Natur mit der ihm eigenen Subjektivität in der Umgebung von Dresden aufnahm. In diesen privat gebliebenen, vom täglichen Broterwerb losgelösten Skizzen entwickelte Gille eine ganz eigenständige Formensprache und künstlerische Autonomie, die als sein wesentlicher Beitrag zur Kunst im 19. Jahrhundert anzusehen ist. Daneben widmete er sich wiederholt Pflanzenstudien, damit gewissermaßen der Untergattung des Landschaftsfaches. In unserem Fall der blühenden Pfingstrose erinnert sie noch von fern an das Arrangement eines Stilllebens – man mag angesichts der unten links verblühten Blüte und den vollen Blüten oben allgemein an Vergehen und Werden denken, doch wäre dies eine unstatthafte Verkürzung. Vielmehr nutzt Gille solche Gelegenheiten, um koloristischen Fragen nachzugehen, die eigentlich erst im späten 19. Jahrhundert beantwortet wurden. Es ist eine Form von ungebundener, autonomer Malerei und Koloristik, die weit über sich selbst und seine Zeit hinausweist. Gille, noch berührt von den großen Dresdner Romantikern Friedrich und Dahl, führt ihren Subjektivismus weiter, doch löst er sich von deren idealistischer Metaphorik und setzt an deren Stelle das unmittelbare Augenerlebnis. Er macht das Nebensächliche zu seinem zentralen Bildmotiv, indem das Betrachten der Natur künstlerischer Selbstzweck wird. Es ist diese – im positiven Sinne – „Sinnfreiheit“ des Gegenstands, dieses Beachten und Beobachten des kleinen, scheinbar unbedeutenden Motivs, das Gilles Malerei mit Carl Blechen oder Adolph Menzel verbindet. Mit breit gesetzten Pinselstrichen arbeitet sich Gille gewissermaßen von unten nach oben vor – von der verdorrten Blüte durch ein dichtes, dunkles Blattwerk, durch das an manchen Stellen der hellbraune Malgrund scheint, über zunehmend grüne Blätter bis zu den aufgebrochen, weißen Blüten, deren Formen er in dynamischen Pinselschwüngen entwickelt. Es ist gleichsam der Weg vom Vergehen zum Erblühen, vom Dunkel ins Helle, doch ist diesem Weg keine Symbolik eigen, sondern nur die Bewältigung koloristischer Fragen – er übersetzt die farbige Erscheinung der Pflanze ins Malerische, indem er den Natureindruck in eine eigene malerische Wirklichkeit übersetzt. Dazu gehört nicht zuletzt die Nahsicht auf die Pflanze, die in ein enges, ausschnitthaftes Bildgefüge eingespannt wird und damit einen ganz eigenen, subjektiven Ausdruckswert erhält.