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Seltener, doch dann auch mit der ihm eigenen Intensität und Autonomie, hat sich Gille der menschlichen Figur gewidmet. Manchmal als Porträt, häufiger bei der Feldarbeit, sind diese Vergegenwärtigungen der ihn umgebenden Menschen Zeugnisse eigenständiger Beobachtung, die keinen Zweck etwa im Sinne einer Vorstudie zu erfüllen hatten, sondern ganz für sich selbst stehen. Er beobachtete Kinder, Hirtenjungen und junge Mädchen in ihrer ländlichen Umgebung und man kann vermuten, dass auch unsere Studie eines knienden jungen Mädchens aus einem ähnlichen Zusammenhang stammt. Sie kniet offensichtlich auf einem Wiesenstück vor dem dunklen Schatten einer Wand und hat beide Hände vor sich an der Wand zusammengeführt. Ihre Hände werden von der Sonne beschienen und liegen sicher nicht zufällig genau an der Grenze zwischen dem Dunkel der Wand und dem hellen Malgrund, der das Mädchen umgibt. Doch was macht sie? Richtet sie einem jüngeren Geschwister die Haare oder tastet sie etwas ab, was sie womöglich gar nicht sieht? Denkbar scheint, dass sie blind ist – der konzentrierte Blick des Mädchens, der nicht ihre Hände zu treffen scheint, könnte für diese Annahme ein Indiz sein. Ihren Kopf hat Gille dahinter noch einmal extra herausgegriffen, sich ihres Blicks vergewissert, diesmal noch ernster im Ausdruck. Wie das Kind die Wand behutsam abtastet, ihrer Textur nachgeht und ihre Stofflichkeit begreift, entspricht dem Vorgehen des Malers – auch er tastet sich an sein Objekt heran, beobachtet es für einen Moment, um die anmutige Szene zu skizzieren. Konzentriert auf die Erfassung des Mädchens im Schein des Lichts und seiner reizvollen Farbigkeit bleibt die Studie zu den Rändern hin absichtsvoll unvollendet – Ausdruck eines Moments, der bereits wieder im Vergehen ist. Mit schnellen und breiten, auch kraftvollen und einander überlagernden Pinselzügen setzt Gille das Mädchen in Szene, das gleichermaßen Anmut und Natürlichkeit in sich vereinigt. Es sind solche, seiner unmittelbaren Umgebung und dem Leben abgeschauten Studien, in denen Gille nicht nur eine malerische Souveränität, die ihn mit Blechen und Menzel vergleichbar macht, sondern auch jene Subjektivität und künstlerische Autonomie erreicht, die wir eigentlich erst aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert kennen.

Christian Friedrich Gille

1805 Ballenstedt – 1899 Dresden·Deutschland·19. Jahrhundert
Christian Friedrich Gille, geboren 1805 in Ballenstedt, war ein bedeutender Landschaftsmaler und Schüler von Johan Christian Dahl. Trotz seiner bescheidenen Lebensverhältnisse hinterließ er mit Werken wie „Heimkehrende Herde“ Spuren in der Dresdner Kunstszene. Neben seiner Malerei arbeitete er als Lithograph und Reproduktionsstecher.
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