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Kein anderer von Ludwig Richters zahlreichen Schülern war mit ihm enger verbunden als Viktor Paul Mohn: Er war dessen Schüler, Gatte einer Richter-Enkelin, und schließlich dessen Nachfolger als Professor für Zeichenunterricht in der Landschaftsklasse an der Akademie in Dresden. Wie Mohns Leben engstens mit dem Richters verknüpft war, so hat er auch künstlerisch nie den Pfad seines Lehrers verlassen. Mohn hat wie kein anderer das spätromantische Erbe Richters bis ins frühe 20. Jahrhundert bewahrt - auch dadurch, dass er nach Richters Tod die erste biographische Würdigung über den verehrten Lehrer verfasst hat. Nachdem Mohn von 1858 bis 1861 an der Kunstakademie in Dresden studiert hatte, trat er Ostern 1861 als letzter Schüler in Richters Atelier ein. Höhepunkt des Jahres war eine Studienreise mit seinen Mitschülern Albert Venus und Carl Wilhelm Müller nach Nordböhmen - eine jener berühmten Exkursionen Richters, auf denen nach der Natur gezeichnet wurde. Noch im gleichen Jahr oder nur wenig später dürfte auch das vorliegende Blatt entstanden sein, das den Ausblick auf einen Waldrand vorstellt, an dem sich ein Bauer mit seinem Hund zur Pause niedergelassen hat. Es gleicht in Bildanlage und der Angabe vegetabiler Details einem Blatt mit einer Hirtenfamilie auf einer Waldlichtung, das Mohn der eigenhändigen Beschriftung zufolge im Januar 1862 angefertigt hatte. Beide Blätter zeigen neben dem für die Richter-Schule charakteristischen, zarten blauen Streifen im Mittelgrund jene Detailverliebtheit Richters, die auch Mohns Arbeiten auszeichnen. Besonders die klare Linearität, der Vordergrund mit seinen sprießenden Gräsern und den gerade hervorbrechenden Zweiglein, aber auch das gekräuselte Blattwerk der Eiche geben Zeugnis davon, dass sich Mohn von Beginn an Richters graphische Präzision aneignete. \"Seine Schule\", so Mohn selbst, \"trug ein ganz bestimmtes Gepräge; die Zeichnungen seiner Schüler haben einen ganz bestimmten Typus, leicht mit der Feder gezeichnet oder leicht mit Farben angehaucht, angetönt, voller Innigkeit und treuer Wiedergabe der Natur.\" Ein anderer Schüler Richters, der aus Frankfurt stammende Johann Friedrich Hoff, berichtete in seinen Erinnerungen an seinen Lehrer, dass dieser wiederholt seinen Schülern eigene Zeichnungen oder Blätter ehemaliger Schüler vorgelegt hat, damit diese zu Übungszwecken danach zeichneten. Hoff zeichnete zu Beginn seiner Lehrzeit bei Richter nach einem Blatt von dessen Meisterschüler Heinrich Dreber; auch Mohns Zeichnung entstand nach einer 1861 datierten Vorlage seines Lehrers, die er selbst (?) auf der Rückseite als \"Parthie aus dem großen Garten bei Dresden\" bezeichnet hat. Nachdem dieser 1814 in einen englischen Landschaftspark umgestaltete worden war, wurde der Große Garten zum Ziel zahlreicher Landschaftsmaler und -zeichner, da er vielfältige pittoreske Aussichten bot. Richters Blatt entstand im Jahr von Mohns Eintritt in dessen Atelier; es ist deshalb anzunehmen, dass Mohn seine Zeichnung relativ bald danach anfertigte. (Text: Peter Prange)

Werkangaben

Werkbeschreibung und Zuschreibung: , Frankfurt am Main

Ausführung
Lavierte Federzeichnung auf Papier (braun)
Jahr
um 1861
Epoche
Romantik
Darstellung
Landschaft
Land
Deutschland

Maße

Werk
20,4 cm x 26,9 cm, Papier (braun)

Zustand

Guter Zustand. Minimal knittrig und mit leichten Knick und links in der Ecke. Kleine Druckstellen oben links in der Ecke.

Viktor Paul Mohn

1842 – 1911·Deutschland·19. Jahrhundert
Aus dem illustren und umfangreichen Schülerkreis Ludwig Richters sticht Viktor Paul Mohn besonders hervor. Er und Albert Venus hatten sowohl künstlerisch als auch menschlich die engste Bindung an den Lehrer und Mohn übernahm 1869 stellvertretend dessen Amt an der Dresdner Kunstschule. Den enormen Einfluss, den Richter als Künstler auf Mohn hatte, kann man an vielen seiner Aquarelle und Illustrationen ablesen. Die erste Italien-Reise, die er 1866 zusammen mit Albert Venus unternahm, stand ganz im Zeichen des Lehrers: Die Künstler besuchtet nicht nur dieselben Orte, die diesen Jahrzehnte zuvor so beeindruckt hatten. Sie orientierten sich auch in ihrer Arbeitsweise an Richter. Dessen graphische Präzision, gepaart mit einem sensiblen Gespür für atmosphärische Stimmungen, wurde auch für Mohn und Venus in Italien bestimmend, auch wenn ihre Interpretation durch vielfältige Übersteigerungen dieser Grundelemente einen ganz eigenen, häufig schon über-idealisierten Charakter bekam. Als Mohn 1868 erneut in Italien weilte und dort wieder auf seinen Freund Albert Venus traf, zeigte er sich enttäuscht von dessen Abkehr von den Richterschen Idealen der klaren Linie. „Der Teufel reitet ihn, sein zweites Wort ist – Achenbach.“ Malerische Freiheit, Dominanz der Farbe, impressionistische Verwirbelungen: all dies entsprach nicht Mohns Kunstweg. Doch dass auch er auf Seitenpfaden wandelte, die sich von seinem großen Vorbild entfernten, wird auch heute noch zu wenig beachtet. Zwar hat er nie den malerischen Effekt über die Klarheit der zeichnerischen Aussage gestellt, doch manche Aquarelle zeigen in der Komposition eine ganz eigene Tendenz der Bilderfindung, die nicht aus dem Œuvre des Lehrers heraus zu erklären ist. Die enge Bindung an Richter blieb aber bestehen. So heiratete Mohn 1873 die Enkelin des Meisters und übernahm 1875 die stellvertretende Leitung des Richterschen Ateliers. 1880 wurde Viktor Paul Mohn zum Professor der Dresdner Kunstakademie ernannt. Nur drei Jahre später kehrte er Dresden den Rücken, um in Berlin in preußische Dienste zu treten. Auch dort erhielt er einen Professorentitel und unterrichtete ab 1895 an der Königlichen Kunsthochschule, deren Direktor er 1905 wurde. Viktor Paul Mohn verstarb im Februar 1911 in Berlin.
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