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Zeitenwenden wie die jüngst durch den Überfall Russlands auf die Ukraine ausgelöste hat Europa in seiner langen Geschichte einige erlebt – die Vielvölkerschlacht in Leipzig gehört sicher dazu. Als sich im Oktober 1813 die Truppen der Völker Europas gegen Napoleon erhoben und ihn vernichtend schlugen, begann dessen Stern zu sinken und das deutsche Nationalbewusstsein zu erwachen. Die Kriegspropaganda beider Seiten setzte das Ereignis bereits damals bildlich um, meist in Form hämischer Karikaturen auf Napoleon, der sich in seinem Machthunger an Europa verschluckt hatte, oder in großformatigen Schlachtengemälden. Doch kaum hat man eine persönlichere, eindrücklichere Stellungnahme gesehen wie dieses Gemälde von dem gebürtigen Leipziger Carl Adolph Mende. Vom Dach ihres Hauses auf einer Art Alkoven stehend, verfolgt eine Bauernfamilie die Schlacht – während der Vater durch ein Fernrohr ihren Verlauf beobachtet, schauen die beiden Kinder mit weit aufgerissenen Augen voller Angst auf das Kriegsgeschehen. Furcht und Schrecken spiegelt sich in ihren Gesichtszügen, weit davon entfernt, das Ereignis und seine Bedeutung zu begreifen. Der Kunsthistoriograph Johann Caspar Nagler erwähnte das Gemälde bereits wenige Jahre nach seiner Entstehung in seinem Künstlerlexikon und hielt es für ein „ansprechendes, in Bezug auf Wahrheit in Bezeichnung der Empfindungen treffliches Bild“. Doch nicht nur die kindlichen Ängste sind überzeugend mit hoher malerischer Qualität wiedergegeben, sondern auch das gesamte Bildgefüge ist in einer Art gestaltet, in der sich realistische Genre- und Schlachtendarstellung miteinander verbinden. Nahsichtig, noch einen Dachturm anschneidend, schildert Mende mit großer Intensität und Einfühlungsvermögen in den Gesichtern der Kinder die Schrecken des Krieges, der sich unter ihnen in einer Art Vogelschau ausbreitet – im Hintergrund ist die Silhouette Leipzigs erkennbar, begleitet von Feuersbrünsten, während die Apokalypse der in Pulverdampf gehüllten Truppen ihren Lauf nimmt. Der Gegensatz zwischen der naturalistisch geschilderten Genreszene und den im Sfumato von Feuer und Dampf untergehenden Truppen ist mit einer so großen malerischen Intensität und Authentizität geschildert, die an ähnliche nächtliche Szenen Carl Friedrich Moritz Müllers, des sogenannten Feuermüllers, in München erinnert. Mende hatte nach einem Studium der Rechtswissenschaft 1828 und ersten Versuchen im Umfeld der Dresdner Akademie an der Akademie in München Malerei zu studieren begonnen; mit dem 1834 entstandenen Gemälde erregte er in München auch deswegen erstmals Aufmerksamkeit, weil es eine Erinnerung an das eigene dramatische Erlebnis seiner Kindheit darstellt, als er als Sechsjähriger die Geschehnisse der Schlacht vom Dach des Elternhauses bei Leipzig beobachtete. Man kann sich gut vorstellen, dass es sich bei dem Jungen mit der Mütze um eine Art retrospektive Selbstdarstellung handelt. Das Motiv fand auch Verbreitung und nicht zuletzt Anerkennung durch die nach dem Gemälde angefertigte Radierung Ludwig Richters, der sie 1834 nach dem Ankauf des Gemäldes durch den Sächsischen Kunstverein für dessen Bilderchronik gestochen hatte. Doch warum griff Mende 1834, über 20 Jahre nach der Völkerschlacht, das Ereignis wieder auf? 1834 wusste er, was er damals als Sechsjähriger nicht wissen konnte – dass die Völkerschlacht bei Leipzig der Beginn des Niedergangs von Napoleon war und die Geburtsstätte eines deutschen Nationalbewusstseins. Wir wissen nicht, ob Mende mit den nationalfreiheitlichen Ideen sympathisierte, doch könnte die nicht unbeträchtliche Anzahl von Gemälden, in denen sich Mende in der Folge dem Freiheitskampf Tirols unter Andreas Hofer widmete und nicht zuletzt die Tatsache, dass sich Mende 1848 in Mailand am Aufstand der Italiener gegen Österreich beteiligte, eine solche Annahme stützen.

Werkangaben

Werkbeschreibung und Zuschreibung: , Frankfurt am Main

Technik
Öl
Ausführung
Öl auf Leinwand
Jahr
1834
Epoche
Romantik
Darstellung
Genre
Signatur
Unten rechts signiert "A Mende". Unten rechts datiert "1834". Unten rechts bezeichnet "München".
Provenienz
Ratskämmerer Schnabel (? Dresden - ?)

Maße

Gesamt
45,5 cm x 54,0 cm
Rahmen
73,0 cm x 81,5 cm

Zustand

Guter Zustand. Restauriert, vereinzelte kleine Retuschen, feines Krakelee. Frische Farben.

Carl Adolf Mende

1807 – 1857·Deutschland
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